Autor:in: Toni Schwender
Die Polargebiete stellen die letzten großen unberührten Lebensräume der Natur dar. Eine schier unendliche Weite aus Eis erstreckt sich über den Horizont, Wellen schlagen gegen das Schiff, kristallklare Eisbrocken treiben durch das Wasser und weit und breit keine Menschenseele. So zumindest die Vorstellung, oder ist es vielleicht doch alles gar nicht so idyllisch und abgeschottet? Auf welche Weise nutzen wir Menschen diese Gebiete und viel wichtiger: mit welchem Recht? In der Veranstaltungsreihe Verantwortung für das Erbe Meer“ hat sich Dr. Moritz von Rochow damit auseinandergesetzt und dem Publikum einen spannenden Einblick in das Völkerrecht vermittelt.
Klar, in beiden Regionen ist es kalt, es gibt es viel Eis und sie sind schwer zu erreichen. Auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht gleich erscheinen mögen, könnten sich Arktis und Antarktis wohl kaum stärker voneinander unterscheiden. Am Nordpol leben Eisbären, im Süden Pinguine. Die Arktis hat kein Festland, die Antarktis ist ein eigener Kontinent. Und viel wichtiger: beide Gebiete werden von Ländern zu vereinnahmen versucht, was in den beiden Fällen zu gänzlich unterschiedlichen geopolitischen Lösungsansätzen führt. Da wäre auf der einen Seite der Erde die Antarktis: der einzige Kontinent, welcher von nur einer Handvoll Menschen bewohnt wird und der ausschließlich durch die Wissenschaft genutzt werden darf. Zwar gibt es diverse Nationen, die einen (teilweise überlappenden) Anspruch auf bestimmte Gebiete rund um den Südpol geltend machen wollen, allerdings sind diese Wünsche dank des 1959/61 geschlossenen Antarktisvertrages nur rein formeller Natur. Auf der anderen Seite der Welt befindet sich die Arktis. In den hohen nördlichen Breiten sieht die Situation schon etwas prekärer aus: die Anrainerstaaten befinden sich alle in größerer Nähe zueinander und begründen ihre Ansprüche auf dem Seerechtsübereinkommen (SRÜ), welches die Nutzungsbereiche der Küste für angrenzende Staaten legal definiert. So ist es für eine Nation gestattet, bis zu einer Entfernung von 200 Seemeilen zum Festland marine Ressourcen zu nutzen. Sollte sich jedoch zeigen, dass der Festlandsockel über diese willkürlich gesetzte Grenze hinaus geht, so darf ein Staat als ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) einen weit größeren Raum beanspruchen. Und nun wird auch schon das Problem der Arktis sichtbar: wem gehört sie? Nun das hängt davon ab, wer gefragt wird. Schließlich möchte jeder Anrainerstaat natürlich ein größtmögliches Nutzungsrecht erlangen (also einen möglichst großen Festlandsockel nachgewiesen bekommen). Berechtigterweise mag man sich jetzt auch die Frage stellen, welche Nutzung dieses kalte Klima überhaupt zuzulassen vermag. Neben dem offensichtlichsten Grund – Fischfang – hat Dr. Moritz von Rochow noch weitere Motive zur Inanspruchnahme dieser Region dargelegt, wovon etliche momentan eher auf strategischer und hoffnungsgeplagter Voraussicht basieren. Da wäre zum einen die Tatsache, dass das europäische Nordmeer und das Nordpolarmeer einen taktischen Vorteil in einem möglichen bewaffneten Konflikt bieten könnten, besonders im Hinblick auf die geografische Nähe zwischen Russland und den USA. So hat Dr. Moritz von Rochow bereits zu Beginn gezeigt, mit welchem Eifer bspw. Norwegen eine militärische Präsenz aufrecht erhält. Abgesehen von taktisch bedeutsamen Orten beherbergt die Arktis auch Ressourcen, die in Zukunft bedeutender werden könnten. So könnte der Tiefseeboden in dieser Region eine Vielzahl wertvoller Metalle, Minerale und Öl enthalten, welche allerdings aufgrund des Eises nicht zugänglich sind. Im Zuge des Klimawandels sieht sich die Arktis dramatischen Veränderungen gegenüber, vor allem, weil sie sich stärker erwärmt als andere Meeresgebiete. Das ist natürlich alles super schade, aber es wäre natürlich auch aus Sicht der Anrainerstaaten mindestens genauso traurig, wenn die ganzen Rohstoffe ungenutzt im Meer verblieben, drum sollte man sich nötige Nutzungsrechte sichern bevor es zu spät ist. Wenn das Eis geschmolzen ist, sind nicht nur neue Rohstoffe zum Abbau bereit, es könnten auch weitere Schifffahrtswege frei werden. Bedeutend wären die Nordostpassage, die im Norden an Russland vorbeiführt sowie die an der Westküste Grönlands verlaufende Nordwestpassage. Beide Routen sind momentan nicht ganzjährig befahrbar und werden im Vergleich zu anderen Schifffahrtsrouten kaum genutzt. In der Zukunft könnten diese Routen aber etabliert werden, um Güter schneller und günstiger quer durch die Welt zu transportieren. Die Spannung ist in der Arktis also viel größer als in der Antarktis, zumindest so lange, wie die Ansprüche auf antarktische Gebiete durch den Antarktisvertrag unterbunden werden.
Mich als Biologiestudent interessiert an den beiden Polen natürlich vor allem die belebte Umwelt. Es wurde aber trotzdem auf unterhaltsame Weise durch Dr. Moritz von Rochow gezeigt, wie wichtig internationales Recht für die Verwaltung, Nutzung und letztlich den Schutz dieser besonderen Ökosysteme ist. Für mich persönlich definitiv ein interssanter Perspektivenwechsel. Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: der Schein trügt. Zwar sind die Polarregionen derzeit recht schwer zugänglich, doch erste Interessenskonflikte zeichnen sich bereits jetzt ab und machen auch nicht vor den abgeschiedensten Gebieten halt.