Autorin: Elissa Holst
Dass der Klimawandel weiter die Erde und Ozeane aufheizt, Gletscher zum
Schmelzen und ganze Arten zum Aussterben bringt, zwingt nicht nur die Fische sich gen Norden zu wenden, um in die, noch kälteren Gewässer zu flüchten, sondern lässt auch Supermächte wie die USA, China und Russland ihren Blick zunehmend auf unsere Pole richten. Was das zunehmend schwindende Eis in der Arktis freilegt, ist nicht nur eine große dunkle Fläche Ozean. Diese nimmt im Gegensatz zur hellen Eisfläche viel mehr Energie der Sonne auf und speichert sie, was wiederum die Erwärmung der Meere zusätzlich begünstigt. In den Augen vieler Staaten ist sie viel mehr ein ressourcenversprechendes Gebiet, welches viele See- und Handelsrouten verkürzt, bzw. ermöglicht. Mit den Fischen sehen sich auch die Fischer:innen gezwungen, weiter aufs Meer hinauszufahren, um die gewohnte Menge an Fisch zu fangen. Sobald sie sich doch weiter auf den Ozean hinauswagen und das gewohnte Küstengebiet verlassen, sehen sich z.B. amerikanische Fischer:innen von den Aleuten mit russischen Militärflugzeugen konfrontiert, die sie zwingen, ihre eigenen Gewässer zu verlassen. Daran sieht man, dass der Nordpol und seine Gewässer durch den vorschreitenden Klimawandel, welcher in der Arktis doppelt so stark wirkt wie irgendwo sonst, zu einem geopolitischen Hotspot geworden ist, dessen Konflikt auszuarten droht. Wobei es ein ganzes Ökosystem und damit verbunden all unsere Ozeane zu verlieren gibt.
Nirgendwo ist konkret festgelegt, wem welche Bereiche des Nordpols gehören, wer welche Passagen zu kontrollieren hat und bis wohin die Hoheitsgewässer genau reichen. Die verschiedenen Interessen der nahegelegenen Staaten, wie die USA, Russland, Kanada, Grönland und Norwegen treffen aufeinander und lassen sich nicht recht miteinander vereinen. So beansprucht Kanada beispielsweise seit 1973 die Nordwestpassage und somit alle Inseln bis Grönland. Die USA erkennen dies jedoch nicht an, da sie keine völkerrechtliche Grundlage dafür sehen, dasselbe gilt für die EG. Bis heute ist ungeklärt, wie genau sich Inselketten definieren lassen, wie groß Buchten maximal sein dürfen, bis wo die Festlandsockel der einzelnen Staaten genau reichen und wo die Basislinien für das Festlegen der inneren Gewässer zu ziehen sind. Kanada bleibt jedoch davon überzeugt, dass die Gewässer rund um die Nordwestpassage ihnen rechtmäßig zustehen, und versucht seine Souveränität dort weiterhin zu bewahren. Die Nordostpassage hingegen, welche insbesondere von wirtschaftlichem Interesse ist, da sie z.B. die Straße von Malakka ersetzen, und somit viele tausend Kilometer Seeweg ersparen würde, wird hauptsächlich von Russland beansprucht, von welchem außerdem seit einigen Jahren zunehmend militärische Aktivitäten rund um den Nordpol zu verorten sind. So meldete Norwegen beispielsweise Einsätze von russischen U-Booten rund um Spitzbergen und forderte mehr NATO-Präsenz vor Ort für den eigenen Schutz. Wenig beruhigend war gleichzeitig das Training der Einnahme arktischer Inseln durch russisches Militär 2020. Besonders begehrt bleibt jedoch der arktische Meeresboden, welcher viele Bodenschätze verspricht. Sind die Bohrarbeiten noch Größtenteils vom Packeis blockiert, so werden sie in geraumer Zeit freigelegt sein und weder die USA noch Kanada, Russland, Dänemark oder Norwegen möchten auf ihren Anspruch auf Anteil an diesen Ressourcen verzichten. Das Interesse hier ist klar, es beruht auf rein wirtschaftlichem Profit und somit einem finanziellen und machtgebendem Vorteil gegenüber den anderen Staaten.
Doch was wird aus unserer Umwelt, aus den Tieren, die diese Gewässer und die Eislandschaft besiedeln? Wer versucht noch dem Klimawandel entgegenzuwirken? Wo es doch so scheint, als würden alle nur hoffnungsvoll warten, bis das Eis verschwindet und neues Land erschlossen werden kann. Anstatt das einzige wahrhaftig Profitbringende zu tun, nämlich das Leben zu schützen, das wir haben. Welche Lösung würde unserer Umwelt und ihrem Schutz am meisten zugutekommen? Wäre es diejenige, in welcher ein strenges völkerrechtliches Gesetz für den Nordpol und die arktischen Gewässer festgelegt wird, an das sich alle Länder gleichermaßen zu halten hätten? Oder könnte ein einzelner Staat mehr ausrichten, indem er über das Gebiet als sein Hoheitsgewässer bestimmt?
Der Antarktisvertrag aus dem Jahr 1959/1961 stellt beispielsweise ein völkerrechtliches Übereinkommen dar, welches das Nutzen der Antarktis für militärische Maßnahmen untersagt und ausschließlich für friedliche Zwecke zulässt. Die sich widersprechenden Ansprüche auf das Gebiet, von Staaten wie Argentinien, Australien, Neuseeland, Brasilien, Frankreich, Großbritannien und Chile, wurden mit diesem Vertrag zwar nicht komplett zurückgezogen, jedoch unterzeichneten sie somit sozusagen eine einstimmige Nichtübereinkunft. Was bedeutet, dass keine Maßnahmen getroffen werden, ihre Ansprüche durchzusetzen. Gleichzeitig verpflichten sich die Vertragsparteien zum umfassenden Schutz der arktischen Umwelt und ihres Ökosystems. Was vielversprechend klingt, jedoch angesichts des bis zu 80% zurückgegangenen Krillbestandes in den letzten 40 Jahren, wenig Hoffnung gibt. Stattdessen nimmt auch hier in der Antarktis die militärische Aktivität zu, da der Antarktisvertrag beispielsweise den Einsatz von Militär für wissenschaftliche Forschung oder friedliche Zwecke nicht ausschließt. Da es auch kein leichtes ist, die Antarktis zu erreichen und dortige Aktivitäten verschiedener Staaten zu prüfen, kommt es dazu, dass, sowohl die chinesischen als auch die russischen Stationen seit Jahren nicht mehr kontrolliert wurden. Unter dem Deckmantel des Vertrags selbst bauen sie ihre Militärstationen aus und blockieren derweilen mit ihrem Veto die Errichtung von Meeresschutzgebieten.
Ob es sinnvoll wäre, ein derartiges Konzept auf die jetzige Situation in der Arktis anzuwenden, ist demnach fraglich. Es bleibt die Frage, ob sich alle Vertragspartner an die vorgeschriebenen Regeln halten, was es für Konsequenzen im Falle eines Verstoßes geben könnte und vor allem wer oder welche Instanz in diesem Bereich und Gebiet die Aktivitäten kontrollieren würde. Wenn die arktischen Gewässer stattdessen einzelnen Staaten zugeschrieben werden würden, bliebe das Schicksal des Nordpols an einem einzelnen Staat hängen. Aus Sicht von jemandem, dem der Umweltschutz, der Kampf gegen den Klimawandel und die Erhaltung des Lebensraums für die indigene Bevölkerung am Herzen liegt, könnte Kanada oder Dänemark zu den Vertretern gehören, die diesen Interessen noch am gerechtesten werden könnten. Fiele der Nordpol hingegen Russland oder den USA unter Trump zu, sähe das Schicksal unseres Ozeans, und damit verbunden unser aller, gleich ganz anders aus.
Doch wer verfügt über das Recht zu entscheiden, welcher Staat ein Recht auf Entscheidung hat und welcher nicht? Wer urteilt darüber, wer in der Lage ist, moralisch zu handeln und wer nicht?
In einer Zeit, in der wir mehr denn je darauf angewiesen sind, dass die Welt von Menschen oder Staaten bestimmt wird, die sich um mehr als ihren persönlichen Profit sorgen, sondern denen auch der Erhalt des Lebens ein Anliegen ist, bedeutet ein Konflikt wie dieser eine unausweichliche Gefahr, der wir uns bewusst sein müssen, auch wenn die Arktis ein für uns so ferner unerreichbarer Ort zu sein scheint.