Autorin: Lilith Wachsmann
Wir sprechen in der Klimaforschung oft darüber, wie der Klimawandel Ökosysteme, atmosphärische Zirkulation und ozeanische Strukturen verändert. Weniger sprechen wir darüber, wie er politische Räume neu ordnet.
In meinem Studium der Physik des Erdsystems beschäftige ich mich mit den physikalischen Grundlagen des Klimasystems. Die Arktis und Antarktis spielen dort eine zentrale Rolle, da sie besonders sensibel auf Störungen reagieren. Die Vorlesung über die Governance des Ozeans (speziell der Arktis und Antarktis) von Dr. Moritz von Rochow hat mir gezeigt, dass das Abschmelzen des arktischen Eises nicht nur neue Umweltbedingungen und damit einhergehende Herausforderungen mit sich bringt, sondern auch völkerrechtliche und geopolitische Entscheidungen beeinflusst und ein großes Konfliktpotential birgt.
Die Arktis besteht nicht aus einer Landmasse, sondern dem arktischen Ozean. Ein Raum, welcher politisch umkämpft ist, gerade weil dieser kein Kontinent, sondern ein Meeresgebiet ist. Das Abschmelzen des arktischen Eises verändert die Nutzbarkeit von Schifffahrtsrouten wie der Nordwest- oder Nordostpassage. Diese Wege sind vor allem wirtschaftlich attraktiv, da sie Transportzeiten zwischen Europa, Asien und Nordamerika verkürzen. Was aber nicht klar ist, welcher Staat diese Routen kontrollieren darf. Ein weiterer Aspekt betrifft den Meeresboden. Hier kommt wieder die Naturwissenschaft ins Spiel. Durch das Seerechtsübereinkommen können Staaten Ansprüche geltend machen. Die Datengrundlage für territoriale Ansprüche liefern Bathymetrie, geologische Strukturen und sedimentologische Daten. Abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen, setzen sich einige Staaten für einen stärkeren Schutz der Meere ein, während andere eher an strategischen, sicherheitspolitischen oder militärischen Zwecken interessiert sind. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie unterschiedlich der Wert des Ozeans interpretiert wird. Auf der einen Seite als schützenswerter Lebensraum und auf der anderen Seite als geopolitischer Raum.
Im Kontrast dazu steht die Antarktis. Die Antarktis ist ein Kontinent mit einem Vertragsregime. Der Antarktisvertrag legt eine friedliche Nutzung fest und untersagt militärische Aktivitäten. Außerdem wurde über das Madrider Protokoll festgelegt, dass die Antarktis ein Forschungsraum ist, welcher nicht zur Rohstoffgewinnung genutzt werden darf. Die Antarktis ist ein gutes Beispiel dafür, wie internationale Governance funktionieren kann, wenn Staaten sich auf gemeinsame Regeln und Prinzipien einlassen. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie stabil dieses Modell ist, wenn geopolitische Spannungen und Ressourcenknappheit weltweit weiter zunehmen.
Am Ende der Vorlesung blieb bei mir vor allem ein Gedanken hängen: Während Staaten darüber diskutieren, welche neue Schiffsrouten entstehen könnten, oder welche Gebiete künftig wirtschaftlich nutzbar werden könnten, gerät das wesentliche leicht aus dem Blick. Der Klimawandel wird erst dann politisch relevant, wenn er neue Chancen bietet, oder Konflikte erzeugt – nicht, wenn er verhindert werden soll. Ich würde mir von Politiker*innen wünschen, dass die Warnsignale, welche seit Jahren in der Klimaforschung beobachtet werden, mehr Gewicht in politischen Entscheidungen bekämen. Für mich bedeutet Verantwortung für das Erbe Meer, dass Staaten sich an ihre Klimaziele halten, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst genommen werden und gemeinsam gehandelt wird. Wer wirtschaftliche Vorteile über langfristigen Schutz stellt, entscheidet über Lebensbedingungen kommender Generationen.
Gerade in einer Zeit, in der wir immer mehr völkerrechtliche Spannungen erleben, wird deutlich, dass Frieden das Klima schützt und konsequenter Klimaschutz Frieden stabilisiert. Beides gehört untrennbar zusammen.