Geschichtsstunde

Traditionssegler am Germaniahafen. Diese Schiffe lassen uns von vergangenen Zeiten träumen... Photo: Jill Alina Koenig Traditionssegler am Germaniahafen. Diese Schiffe lassen uns von vergangenen Zeiten träumen… Photo: Jill Alina Koenig

Wer es noch nicht mitbekommen hat (obwohl es schon ziemlich schwierig gewesen wäre, es nicht mitzubekommen): In diesem Jahr findet die Kieler Woche zum 125. Mal statt. Die erste Regatta, aus der sich wenig später die Kieler Woche entwickeln sollte, fand 1882 statt. Nicht nur die Mathe-Genies unter euch werden merken, dass da mehr als 125 Jahre zwischen liegen. Denn weil wir zwischendurch so dumm waren, zwei Weltkriege zu führen – die diese Woche in Suchsdorf entschärfte Bombe lässt grüßen –, fand die Kieler Woche nicht in jedem Jahr seit ihrer Begründung statt. Daher begingen wir die 125. Kieler Woche nicht schon 2007, sondern haben das Vergnügen in diesem Jahr.

Also, 137 Jahre Kieler Woche-Geschichte entsprechen fast genau dem Alter der modernen Kieler Ozeanforschungs-Geschichte. Die startete Ende der 1850er mit dem Physiologen Victor Hensen und dem Zoologen Karl Möbius. Die beiden Wissenschaftler untersuchten den Lebensraum unserer Kieler Förde und prägten zwei für die Meereswissenschaften wesentliche Begriffe: Hensen verlieh dem Wort „Plankton“ seine Bedeutung und Möbius tat dies für „Biozönose“. Plankton ist das Lieblingsessen aller Blauwale und bezeichnet frei im Wasser treibende und schwebende Organismen, Biozönose ist die Gemeinschaft der Organismen in einem (zum Beispiel maritimen) Lebensraum.

Da die Menschen im und am Ende des 19. Jahrhunderts ohnehin gerade damit beschäftigt sind, tausend neue Dinge zu erfinden und zu tun – ab ca. 1837 geht in Europa der erste vernünftige Telegraph in Betrieb und 1866 sind die Telegraphennetze Europas und Amerikas dann endlich miteinander verbunden – können sie übrigens auch noch gleich alle drei Ozeane erforschen. 1872 bis 1876 fährt die HMS Challenger um die Welt und 1874 bis 1876 von Kiel aus die SMS Gazelle. Die beiden Dampfkorvettes treffen sich sogar in Südamerika und treten ihre Rückreise über den Atlantik gemeinsam an.

Die Reiseroute der Dampfkorvette "Gazelle" während ihrer Forschungsreise um die Welt 1874-1876. Aus: Die Forschungsreise S.M.S. GAZELLE in den Jahren 1874 bis 1876 unter Kommando des Kapitän zur See Freiherrn von Schleinitz. II. Theil: Physik und Chemie. Hrsg. von dem Hydrographischen Amt der Admiralität, Berlin : Mittler, 1888.
Die Reiseroute der Dampfkorvette “Gazelle” während ihrer Forschungsreise um die Welt 1874-1876. Aus: Die Forschungsreise S.M.S. GAZELLE in den Jahren 1874 bis 1876 unter Kommando des Kapitän zur See Freiherrn von Schleinitz. II. Theil: Physik und Chemie. Hrsg. von dem Hydrographischen Amt der Admiralität, Berlin : Mittler, 1888.

Zwei weitere, grundlegende Expeditionen werden dann von Kiel, das quasi Dreh- und Angelpunkt mindestens der deutschen Meeresforschung werden soll, aus gestartet: Die Plankton-Expedition mit Hensen und dem Geographen Otto Krümmel 1889 und Tiefsee-Expedition 1898 bis 1899 mit den Wissenschaftlern Carl Apstein und Ernst Vanhoeffen. Auf diesem Fundament meereswissenschaftlicher Expertise gründeten sich dann 1937 das Institut für Meereskunde und 1987 das Forschungszentrum für marine Geowissenschaften GEOMAR, die 2004 zum IfM-GEOMAR verschmolzen, das 2012 wiederum zu dem GEOMAR wurden, wie wir es heute kennen.

 Im Juli 1889 startete die „Plankton Expedition“ mit dem gecharterten Dampfer „National“ unter der Leitung von Victor Hensen in Kie. Abb: Archiv GEOMAR
Im Juli 1889 startete die „Plankton Expedition“ mit dem gecharterten Dampfer „National“ unter der Leitung von Victor Hensen in Kie. Abb: Archiv GEOMAR
1. Gedenktafel zur Gründung des Institut für Meereskunde 1937. Aufgestellt am 10. August 1998 am Fördewanderweg. Photo: GEOMAR
1. Gedenktafel zur Gründung des Institut für Meereskunde 1937. Aufgestellt am 10. August 1998 am Fördewanderweg. Photo: GEOMAR

Okay, genug Geschichte für heute. Hier noch ein paar aktuelle Hinweise: Zum Thema Tiefseeforschung (das Telegraphenkabel zwischen Europa und Amerika war natürlich ein Tiefseekabel) haben wir in unserem GEOMAR-Zelt eine ganze Menge Ausstellungsstücke, manche davon zum Gruseln, manche sogar zum Anfassen. Vorbeikommen lohnt sich also.

Der Meeresboden zum Anfassen in der Tiefsee-Ausstellung im GEOMAR-Zelt. Photo: Jill Alina Koenig
Daraus besteht der Boden der Ozeane: Basalt. Einige Kanten sind so scharf, dass sich der präsentierende Wissenschaftler daran geschnitten hat. Photo: Jill Alina Koenig
Daraus besteht der Boden der Ozeane: Basalt. Einige Kanten sind so scharf, dass sich der präsentierende Wissenschaftler daran geschnitten hat. Photo: Jill Alina Koenig

Und: Am heute findet die Windjammerparade der KiWo statt mit den ganzen schicken Traditionsseglern, von denen es dank erlassener Hafen-, Schiffsliege- und Kaigeldern in diesem Jahr wieder besonders viele gibt. Träumt euch also gern zurück in’s 19. Jahrhundert.

Wie immer viel Spaß, Neugier und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!

Eure Jill

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