Grüße aus der Nachtwache

Ein typischer Abend auf unserer Ausfahrt ist wahrscheinlich entspannter als auf vielen anderen. Denn für die meisten unserer Messungen benötigt man Tageslicht, und so haben die meisten Teammitglieder einen fast normalen Schlafrhythmus – außer es wird unerwartet doch später im Labor, was auch vorkommen kann. Sonst findet man die Mitglieder des Teams abends beim gemütlichen Zusammensitzen und Kartenspielen, beim Sternegucken auf Deck, oder bei späten Gesprächen über die morgigen Messungen. Oder man trifft sich selbstverständlich schon etwas verschlafen auf dem Flur, auf dem Weg in die Kammern.

Foto: Benedikt Ruprecht, GEOMAR

Das gilt für viele, aber nicht für alle: einige Auserwählte machen die Nacht zum Tag und kümmern sich darum, dass alles läuft, wenn die anderen schlafen.

Auf der Brücke werden vierstündige Schichten eingeteilt – tagsüber wie nachts sind die Offiziere in ihrem Zeitslot zur Stelle, um das Schiff zu steuern, und uns sicher zur nächsten Station zu bringen. Beispielsweise trifft man von 4:00 bis 8:00 Uhr, und später wieder von 16:00 bis 20:00 Uhr mit hundertprozentiger Sicherheit den ersten Offizier Magnus auf der Brücke an. Damit im Dunkeln von der Brücke aus alles im Blick behalten werden kann, brennt dort ebenfalls kein Licht, und der Raum ist stockfinster. Die Verantwortlichen finden sich dort natürlich blind zurecht, daher ist das gar kein Problem – solange sich niemand an sie heranschleicht. Eine der ersten Lektionen, die man als Neuling auf dem Schiff lernt, ist es, sich frühzeitig und deutlich bemerkbar zu machen, wenn man in der Nacht die Brücke betritt. Ansonsten verpasst man dem Wachhabenden schnell einen ordentlichen Schreck – dankenswerterweise nehmen bei unserer Fahrt alle die anfänglichen Tritte ins Fettnäpfchen mit Humor, und die Schreckgespenster lernen schnell. Ansonsten verfügt die Brücke über eine erstklassige Kaffeemaschine, die die ein oder andere späte oder frühe Stunde versüßt.

Die Brücke in der Nacht. Foto: Johanna Salg, GEOMAR

Wer könnte es denn wagen, nachts die Brücke heimzusuchen? Passiert etwas unten an Deck, informiert der wachhabende Matrose Olaf selbstverständlich die Brücke. In den frühen Morgenstunden, lange vor Sonnenaufgang, kommt Koch Mike gerne auf einen Kaffee vorbei. Von Seiten der Wissenschaft sind vor allem die Mitglieder des Multibeam-Teams die Verdächtigen. Schon in vorherigen Beiträgen erwähnt, wird nachts auf der M215 (MMC-3) vor allem Hydroakustik gemessen. Das schiffsbasierte System läuft im Ein-Personen-Betrieb und liefert uns Daten über die Meeresbodenoberfläche, deren Messung man live auf dem Bildschirm mitverfolgen kann. Die Arbeitsgruppe wird von der Doktorandin Effrosyni Varotsou (Froso) geleitet. Mittlerweile sind alle ein eingespieltes Team geworden und arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit ausgezeichnet zusammen.

Foto: Paraskevi Nomikou, National Kapodistrian University of Athens

Wie funktioniert das ganze? Der Multibeam sendet von der Unterseite des Schiffs aus viele Male pro Sekunde einen breiten Fächer gerichteter Akustiksignale, auch Ping genannt, im hochfrequenten Bereich. Er misst die Zeit, die jedes einzelne Signal braucht, um vom Meeresboden zum Messsystem zurückreflektiert zu werden und errechnet dann mithilfe der Schallgeschwindigkeit, die alle paar Tage eigens für die gesamte Wassersäule gemessen wird, die Wassertiefe. Das Schiff fährt dabei die ganze Nacht über eine vorher erstellte Route ab, die meistens aus ganz vielen unterschiedlich weit voneinander entfernten, parallelen Linien besteht. Diese wurden vorher viel diskutiert und geplant unter Berücksichtigung vieler verschiedener Faktoren wie der Wassertiefe, dem Abstand zur Küste, der Neigungsrichtung des Hangs oder schlicht der zur Verfügung stehenden Zeit, die jeden Tag davon abhängt, wann die tagaktiven Arbeitsgruppen ihre Messungen abschließen. Insgesamt soll so möglichst effizient, aber lückenfrei, Stück für Stück Licht auf vorher unkartierte Stellen geworfen werden. Das kann sehr spannend sein, wenn wir gerade über eine Verwerfung oder andere interessante geologische Strukturen fahren, nicht selten kartieren wir auf dieser Ausfahrt aber auch Flachwasserbereiche, die auf den ersten Blick eher langweilig anmuten, aber von großem Nutzen für so manches Modell sind, was nach der Ausfahrt mit den erhobenen Daten gefüttert werden wird. Selbst dann hat es jedoch etwas seltsam Meditatives, während der Wache auf dem Bildschirm zuzuschauen, wie Ping für Ping neue Daten auftauchen und ein regenbogenfarbenes topographisches Bild ergeben.

Ausschnitt aus einem Multibeam-Profil. Foto: Johanna Salg

Was passiert denn nun während einer durchschnittlichen Nachtwache im Multibeam-Team? Was geht den Wachhabenden durch den Kopf, während sie fleißig Wegpunkte loggen, Linien planen, Daten bearbeiten, und währenddessen durchgängig das System im Blick behalten, das uns während der ein oder anderen Messung schon einmal kurzzeitig den Dienst verweigert hat? Kontrolle ist hier besser als Vertrauen, schließlich brauchen wir die Daten, um die Einsatzgebiete für unsere AUVs (Autonomous Underwater Vehicle) und den Unterwasser-Videoschlitten MOMO festlegen zu können. In der Regel läuft aber alles glatt, und der einzige Grund, um die Brücke heimzusuchen, ist es, um kurzfristig Wegpunkte zu ergänzen oder zu vertagen, falls es zeitlich nicht genau passt. Wir haben nachgefragt, was die Tipps und Tricks der Teammitglieder für eine möglichst entspannte, unterhaltsame Nachtwache beim Multibeam ist:

  • Voller Faszination auf den Bildschirm schauen, um erst bei der Ablösung zu merken, dass die Stunden wie im Flug vergangen sind (Vorteil: Keine Chance, dass ein Systemfehler unbemerkt bleibt; Nachteil: Man träumt danach nur noch von bunten Meeresbodenprofilen)
  • Snacken, was das Zeug hält. Wir sind die besten Kunden des schiffseigenen Snackverkaufs.
  • Musik ist immer gut, um die Augenlider und die Stimmung hochzuhalten.
  • In der Brücke vorbeischauen, und mit etwas Glück dort sogar einen Kaffee ergattern.

Nicht zu vergessen ist die Wache auf Deck, die sogar im Acht-Stunden-Betrieb organisiert ist. Von Mitternacht bis um 8:00 Uhr morgens trifft man dort Matrose Olaf an, der nach dem Rechten sieht. Nachts ist auch Zeit für Arbeiten wie Malen oder Entrosten – dort, wo Licht ist. Diese Schicht ist, besonders bei unserer Ausfahrt, bei der nachts keine Messgeräte von oder an Deck gehen, die ruhigste von allen auf Deck. Auch in der Maschine geht stets eine Person Wache, denn auch dort wird stets im Auge behalten, dass alles ohne Probleme funktioniert.

So vergeht die Nacht, und bereits in den frühen Morgenstunden wird das Schiff wach. Denn Frühstück gibt es um 7:15 Uhr, und  die ersten Messgeräte gehen spätestens um 8:00 Uhr zu Wasser.

Zu welcher Tages- und  Nachtzeit auch immer dieser Beitrag gelesen wird, senden wir viele Grüße!

Das Team der M215 (MMC-3)

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