{"id":199,"date":"2020-01-30T14:05:54","date_gmt":"2020-01-30T13:05:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/?p=199"},"modified":"2020-01-27T21:41:11","modified_gmt":"2020-01-27T20:41:11","slug":"romeo-und-julia-zwei-wassertropfen-etwas-farbe-und-viel-rotation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/2020\/01\/30\/romeo-und-julia-zwei-wassertropfen-etwas-farbe-und-viel-rotation\/","title":{"rendered":"Romeo und Julia \u2013 zwei Wassertropfen, etwas Farbe und viel Rotation"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Was haben der Polarjet, ein Wassertank und Lebensmittelfarbe gemeinsam? Um das zu verstehen, haben wir im Laufe unseres Studiums eigenst\u00e4ndig verschiedene Experimente mit rotierenden Wassertanks, Lebensmittelfarbe und Eisw\u00fcrfeln durchgef\u00fchrt. Ganz nach dem Motto: Bitte zuhause nachmachen! Ihr seid neugierig geworden, was es damit auf sich hat? Findet es selbst heraus mit der Geschichte zweier Wassertropfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von Alexandra Andrae, Hendrik Gro\u00dfelindemann und David Menzel<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem pl\u00f6tzlichen Schlag wurde ich aus meiner Trance geholt. Jemand muss den Wasserhahn \u2013 meinen Wasserhahn &#8211; aufgedreht haben. Schon seit einiger Zeit trieb ich ziellos in der Leitung des kleinen Seminarraums im Geomar umher. Doch jetzt landete ich zusammen mit 300.000 Wassertropfen in einem Eimer. Ca 15 Liter sch\u00e4tzte ich. Kurz darauf die n\u00e4chste Ersch\u00fctterung: Wir wurden umgef\u00fcllt, das neue zu Hause war ein gro\u00dfer, runder Glasbeh\u00e4lter. Auf einmal war mir klar, was hier vor sich ging: Endlich wieder eines dieser Tankexperimente.&nbsp;&nbsp;Das ist doch deutlich spannender, als der \u00f6de Alltag in einer Wasserleitung! Mal sehen, was sich Torge diesmal f\u00fcr seine experimentierfreudigen Studierenden ausgedacht hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch zuvor positionierten sie einen kleinen Legomotor am Rand des Tanks und schon setzte sich der ganze Tank in Bewegung. Wieder einmal k\u00e4mpfte ich gegen die aufkommende \u00dcbelkeit an, doch es war besser als das letzte Mal \u2013 irgendwas musste anders sein. Richtig, wir bewegten uns viel langsamer als sonst. Meine F\u00e4higkeit Geschwindigkeiten einzusch\u00e4tzen, hatte mich bisher noch nie im Stich gelassen und so stellte ich auch diesmal pr\u00e4zise fest, dass sich der Tank nur mit etwa einem F\u00fcnftel der \u00fcblichen Geschwindigkeit bewegte. Noch w\u00e4hrend ich dar\u00fcber nachdachte, herrschte schon wieder Aufregung. Ein bis oben mit Eis gef\u00fclltes Glas wurde gezielt in unserer Mitte platziert. Direkt vor meiner Nase, nach und nach sp\u00fcrte ich erste Auswirkungen: Es wurde deutlich k\u00e4lter um mich herum und auch in mir drin. Dann passierte erst einmal eine Weile lang gar nichts. Meine \u00dcbelkeit legte sich. Von au\u00dferhalb schnappte ich die Worte \u201esolid body rotation\u201c auf, deshalb haben sie also so lange gewartet. Sie wollten sicherstellen, dass sich alle von uns gleichm\u00e4\u00dfig mit dem Beh\u00e4lter bewegen. Das muss auch der Grund sein, warum meine \u00dcbelkeit nachgelassen hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/1_P1023695-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/1_P1023695-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/1_P1023695-480x320.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/1_P1023695-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/1_P1023695.jpeg 1110w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gerade als ich schon fast wieder in den&nbsp;&nbsp;Trancezustand hin\u00fcbergleiten wollte, eingelullt von der gleichm\u00e4\u00dfigen Bewegung, sah ich etwas Gro\u00dfes, Rundes und Blaues auf mich zu sausen. Es durchschlug die Wasseroberfl\u00e4che und h\u00fcllte mich ein. Meine Welt versank in einem tiefen blau. \u00dcberall in meiner N\u00e4he waren ganz \u00e4hnliche Einschl\u00e4ge zu sehen. Der Farbstoff also, war ja anzunehmen, dass die Menschen ohne ihn nicht konnten. Mit einem Mal wurde ich mir auch meiner Bewegung zu den anderen Wassertropfen bewusst. Die war doch gar nicht so eint\u00f6nig und langweilig, ich hatte ihr nur vorher keine Beachtung geschenkt. Und nicht nur ich, alle konnten nun \u2013 dank der blauen F\u00e4rbung \u2013 ganz hervorragend beobachten, wie und wo ich mich bewege, zusammen mit all meinen umgebenden Tropfen. Wir waren grade sehr dicht an dem kalten Eisglas, als uns der Farbstoff traf und bewegten uns zwar langsam, aber stetig abw\u00e4rts, weil wir durch das Eis auch immer weiter abk\u00fchlten. F\u00fcr Au\u00dfenstehende musste es so wirken, als ob wir uns in einer Spirale das Eis hinunter bewegen w\u00fcrden.&nbsp;&nbsp;Dies, so \u00fcberlegte ich mir, muss mit der sogenannten Corioliskraft zusammenh\u00e4ngen. Die Corioliskraft ist eine Scheinkraft, die die Menschen brauchen, um zu erkl\u00e4ren, warum wir uns eben nicht gerade bewegen, sondern zu einer Seite abgelenkt werden. W\u00fcrde unser Tank nicht rotieren, br\u00e4uchte man auch die Scheinkraft nicht. Auf unserer Erde sorgt die Corioliskraft daf\u00fcr, dass auf der Nordhalbkugel, sich bewegende Fl\u00fcssigkeiten nach rechts abgelenkt werden. Allerdings kann man dieses Ph\u00e4nomen nicht f\u00fcr Str\u00f6mungen im eigenen Gartenteich und auch noch nicht im n\u00e4chsten Badesee sondern nur f\u00fcr sehr gro\u00dfe Wassermassen wie zum Beispiel im Ozean.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"679\" src=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/2_P1023825-1024x679.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-201\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/2_P1023825-1024x679.jpeg 1024w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/2_P1023825-480x318.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/2_P1023825-768x509.jpeg 768w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/2_P1023825.jpeg 1110w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Sie war gerade am Au\u00dfenrand, als es geschah. Ihre Welt versank in Rot. F\u00fcr sie war es alles neu. Sie und ihre Nachbartropfen bewegten sich langsam in Richtung der Mitte des Tanks, noch war ihnen behaglich warm. Sie bildeten grade eine Art Arm, als die Tropfen an der Spitze etwas meldeten: Ein anderer Arm w\u00fcrde sich auf sie zu bewegen, doch dieser sei blau gef\u00e4rbt.&nbsp;<br>Sie war ganz aufgeregt, noch nie vorher hatte sie blaue Wassertropfen gesehen, wie sie wohl sein w\u00fcrden? Wie es sich anf\u00fchlen w\u00fcrde, sich mit ihnen zu vermischen? Doch soweit w\u00fcrde es erst einmal nicht kommen. Traurig beobachtete sie, wie sich ihre Kolonne von roten Wassertropfen an der Front der aufregenden blauen Tropfen&nbsp;&nbsp;vorbeischob und sich nicht vermischte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/3_P1023720-1024x681.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/3_P1023720-1024x681.jpeg 1024w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/3_P1023720-480x319.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/3_P1023720-768x511.jpeg 768w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/3_P1023720.jpeg 1110w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich befand mich nun relativ weit unten im Tank und hatte von hier aus einen guten \u00dcberblick, was an der Oberfl\u00e4che geschah. Ich hatte beobachtet, wie auch rote Farbe rund herum am Rand eingetropft wurde und wie sich zwei blaue Str\u00e4nge von der Mitte l\u00f6sten und mit einem leichten Schwung sich nach au\u00dfen bewegten. Wieder wegen der Corioliskraft, dachte ich. Sonst m\u00fcssten sie sich ja schnurgerade zum Rand bewegen. Von dort kam auch die rote Farbe, die sich um die blaue herumwand. Nach und nach bildete die blaue Farbe eine gro\u00dfe Welle mit 3 blauen Wellenbergen, w\u00e4hrend die rote Farbe die T\u00e4ler ausf\u00fcllte. Wie gerne w\u00fcrde ich doch da oben mitmischen. Woran erinnerte mich das nur? Nach einiger Zeit beobachtete ich gespannt, wie sich der eine blaue Wellenberg immer weiter auspr\u00e4gte und sich schlie\u00dflich fast vom Rest abtrennte. Fast kreisrund erschien er mir von meiner Position &#8211; wie ein Wirbel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/4_P1023725-1024x682.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/4_P1023725-1024x682.jpeg 1024w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/4_P1023725-480x320.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/4_P1023725-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/teachingoceanscience\/wp-content\/uploads\/sites\/67\/2020\/01\/4_P1023725.jpeg 1109w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Sie hatte ihren blauen Traum schon fast aufgegeben, als sie feststellte, dass sich etwas ver\u00e4nderte. Sie war an den Rand ihrer roten Genossinnen gelangt und sp\u00fcrte nun eine angenehme K\u00fchle. Auch war gar nicht mehr alles in dem matten hellrot, sondern es bekam eine dunklere, geheimnisvollere T\u00f6nung. Das musste das blau sein! Endlich, entz\u00fcckt beobachtete Sie, wie sie&nbsp;&nbsp;immer mehr ins helllila \u00fcberging. \u00dcberall um sie herum konnte sie nun beobachten, wie sich ganz allm\u00e4hlich, fast nicht&nbsp;wahrzunehmen, blau und rot vermischten. Erst, wenn man einige Zeit wegschaute, konnte man eine tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung feststellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kurz bevor auch ich mich bis in die Unkenntlichkeit vermischte, kam mir noch ein Gedanke. Das Bild erinnerte mich an den Polarjet, der sich auch wie in Wellen auf der rotierenden Erde in der H\u00f6he um den Pol windet. Dabei muss man ihn sich wie eine Schlange vorstellen, die sich um den Globus windet. Die Anzahl der Wellenberge (oder Windungen der Schlange) kann sich ver\u00e4ndern. Ebenso die, von den Menschen nicht sehr geachteten, Tiefdruckgebiete k\u00f6nnen sich von dem Jet abl\u00f6sen, wie es auch mit einem der blauen Wirbel geschehen war.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie war sich schon fast nicht mehr bewusst, nicht mehr der rote Wassertropfen, mehr ein Teil des Ganzen. Doch da war ein etwas blaueres Etwas. Konnte das sein? Konnte das wirklich sein? Ja so konnte es enden, endlich vereint. Ihr Bewusstsein schwand. Der Tank h\u00f6rte auf zu rotieren. Die Welt versank in dunklem lila.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben der Polarjet, ein Wassertank und Lebensmittelfarbe gemeinsam? Um das zu verstehen, haben wir im Laufe unseres Studiums eigenst\u00e4ndig verschiedene Experimente mit rotierenden Wassertanks, Lebensmittelfarbe und Eisw\u00fcrfeln durchgef\u00fchrt. Ganz nach dem Motto: Bitte zuhause nachmachen! Ihr seid neugierig geworden, was es damit auf sich hat? Findet es selbst heraus mit der Geschichte zweier Wassertropfen. 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