{"id":52,"date":"2024-10-02T08:00:00","date_gmt":"2024-10-02T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/so307\/?p=52"},"modified":"2024-10-02T00:52:12","modified_gmt":"2024-10-01T22:52:12","slug":"aliens-aus-der-tiefe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/so307\/2024\/10\/02\/aliens-aus-der-tiefe\/","title":{"rendered":"Aliens aus der Tiefe"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Geschrieben von Dr. Carsten L\u00fcter, Museum f\u00fcr Naturkunde, Berlin.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Tiefsee ist voll mit seltsam anmutenden Wesen, die sich im Laufe der Evolution an die unwirtlichen Bedingungen dieses Lebensraums angepasst haben: ewige Dunkelheit, tiefe Temperaturen, hoher Druck und sporadische Verf\u00fcgbarkeit von Nahrung. Wir Biologen an Bord der SONNE sind sehr daran interessiert, diese Diversit\u00e4t der Tiefseelebewesen zu beschreiben und Fragen zur Verbreitung von Arten in der Tiefe und m\u00f6glichen Ausbreitungsbarrieren zu beantworten. Aber wir haben ein Problem, das sich am Besten mit einer Aussage des Protagonisten im US-Kinofilm Forrest Gump beschreiben l\u00e4sst: \u201eMeine Mutter sagte immer, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen\u2026man wei\u00df nie was man bekommt!\u201c Und genau das passiert, wenn man ein Sammelger\u00e4t 4000m tief zum Meeresgrund schickt. Man wei\u00df \u00fcberhaupt nicht was am Ende an Bord auftauchen wird, nachdem die Proben aus ihrem dunklen und kalten Zuhause geholt wurden. Und manchmal stehst Du selbst als gut ausgebildeter Meeresbiologe v\u00f6llig ratlos davor und hast Schwierigkeiten, die Tiere \u00fcberhaupt nur einer Tiergruppe zuzuordnen. Genau das geschah uns vor wenigen Tagen als eine Dredge mit einem einzigen Stein, ein paar Nadeln eines Glasschwamms und einem rosa-farbigen, mit warzigen Knubbeln bedeckten Tier nach oben kam.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"932\" height=\"366\" src=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/so307\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2024\/10\/image-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-55\" \/><figcaption>Zusammengezogene Seeanemone Phelliactis\/Paraphelliactis sp. aus etwa 2000m Tiefe. <strong>Links<\/strong>: Kontrahierte Mundscheibe mit orange-farbiger Eimasse. <strong>Rechts:<\/strong> Gleiches Tier von unten mit Amboss-f\u00f6rmiger zusammengezogener Fu\u00dfscheibe. (Fotos: Birger Neuhaus)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das merkw\u00fcrdige Wesen besch\u00e4ftigte uns den ganzen Tag lang und die Spekulationen bez\u00fcglich seiner Zugeh\u00f6rigkeit gingen von Nesseltier \u00fcber Schnecke bis hin zu Seegurke und wieder zur\u00fcck. Aber alles passte irgendwie nicht richtig. Mit 10 cm Durchmesser war das Tiere relativ gro\u00df, wir konnten aber nicht einmal sagen wo vorne und hinten ist. Wo war der Kopf? Hat es \u00fcberhaupt einen? Ist es vielleicht nur ein Teilst\u00fcck eines Tieres und der Rest ist noch irgendwo da unten? Niemand hatte eine Idee. Immerhin bez\u00fcglich der Tiergruppe hatten wir uns auf Seegurke eingeschossen\u2026wir konnten kaum weiter daneben liegen! Ich schickte eine Nachricht mit Bildern an meine ehemalige Doktorandin in Indonesien, eine Spezialistin f\u00fcr die Taxonomie von Seegurken. Ihr Kommentar: \u201eSowas habe ich noch nie gesehen\u201c, offenbar hatten wir uns verrannt. Erst am n\u00e4chsten Morgen fragte einer von uns \u201ewas, wenn es doch ein Nesseltier ist?\u201c Die richtigen Suchworte ins Netz geschickt und siehe da: Es ist ein Nesseltier! Zwei chinesische Kollegen haben 2016 zwei neue Arten dieser als <em>Phelliactis<\/em> und <em>Paraphelliactis<\/em> bekannten Gattungen von Tiefsee-Seeanemonen beschrieben (Li &amp; Xu 2016) und deren Publikation enth\u00e4lt Bilder, die unserem Tier verbl\u00fcffend \u00e4hnlich sehen. Beide Gattungen k\u00f6nnen nur anhand feinster anatomischer Merkmale unterschieden werden und wurden in der Vergangenheit auch schon unter einem Namen (<em>Phelliactis<\/em>)synonymisiert. Sie sind weltweit verbreitet und kommt wohl h\u00e4ufiger vor, werden aber selten in Proben aus der Tiefsee gefunden. Die Tiere leben auf den weiten Sedimentfl\u00e4chen des Ozeanbodens, ben\u00f6tigen aber zum verankern ihres scheibenartigen Fu\u00dfes einen harten Untergrund, etwa einen Stein oder die Nadeln eines Glasschwamms \u2013 so wie diejenigen, die wir zusammen mit der Seeanemone in unserer Dredge gefunden hatten. Die Tentakel der Tiere sind relativ kurz, aber die Tentakelbasis bildet eine halb zusammengeklappte gro\u00dfe Scheibe, die die Anemone wie eine Venus-Fliegenfalle aussehen l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fund unseres Tieres s\u00fcdlich von Madagaskar ist interessant, weil die einzigen bisher aus dem indischen Ozean beschriebenen Exemplare der Gattung <em>Phelliactis <\/em>aus dem tiefen Wasser vor Somalia bzw. vor Sumatra stammen. Diese wurden w\u00e4hrend der Deutschen Tiefsee-Expedition mit der \u201eValdivia\u201c gegen Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt. Vielleicht haben wir hier sogar eine neue Art entdeckt, aber das werden uns erst die genaueren Analysen des Tieres zeigen k\u00f6nnen, wenn wir wieder zuhause sind. Praktischerweise findet sich das Original- oder Typusmaterial der beiden beschriebenen Arten aus dem indischen Ozean in der Sammlung des Berliner Museums f\u00fcr Naturkunde. Immer wenn wir eine Dredge oder ein anderes Sammelger\u00e4t in die Tiefe schicken, k\u00f6nnen solche ungew\u00f6hnlichen und faszinierenden Organismen an Bord kommen. Daher sind wir Biologen jedes Mal ziemlich aufgeregt. Es ist wie bei einer Safari, wenn man den Anblick eines spektakul\u00e4ren Tieres hinter jeder n\u00e4chsten Ecke vermutet. Und genau das macht den gro\u00dfen Spa\u00df einer solchen Tiefsee-Expedition aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Li Y, Xu K (2016) <em>Paraphelliactis<\/em> <em>tangi<\/em> n. sp. and <em>Phelliactis yapensis<\/em> n. sp., two new deep-sea species of Hormathiidae (Cnidaria: Anthozoa: Actiniaria) from a seamount in the tropical Western Pacific. Zootaxa 4072 (3): 358-372.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschrieben von Dr. Carsten L\u00fcter, Museum f\u00fcr Naturkunde, Berlin. Die Tiefsee ist voll mit seltsam anmutenden Wesen, die sich im Laufe der Evolution an die unwirtlichen Bedingungen dieses Lebensraums angepasst haben: ewige Dunkelheit, tiefe Temperaturen, hoher Druck und sporadische Verf\u00fcgbarkeit von Nahrung. 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