{"id":1257,"date":"2026-06-09T11:02:26","date_gmt":"2026-06-09T09:02:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/?p=1257"},"modified":"2026-06-09T11:35:03","modified_gmt":"2026-06-09T09:35:03","slug":"niemand-nimmt-mir-mein-eis-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/2026\/06\/09\/niemand-nimmt-mir-mein-eis-weg\/","title":{"rendered":"Niemand nimmt mir mein Eis weg!"},"content":{"rendered":"\n<p>Autor:in: Toni Schwender<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Polargebiete stellen die letzten gro\u00dfen unber\u00fchrten Lebensr\u00e4ume der Natur dar. Eine schier unendliche Weite aus Eis erstreckt sich \u00fcber den Horizont, Wellen schlagen gegen das Schiff, kristallklare Eisbrocken treiben durch das Wasser und weit und breit keine Menschenseele. So zumindest die Vorstellung, oder ist es vielleicht doch alles gar nicht so idyllisch und abgeschottet? Auf welche Weise nutzen wir Menschen diese Gebiete und viel wichtiger: mit welchem Recht? In der Veranstaltungsreihe Verantwortung f\u00fcr das Erbe Meer\u201c hat sich Dr. Moritz von Rochow damit auseinandergesetzt und dem Publikum einen spannenden Einblick in das V\u00f6lkerrecht vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Klar, in beiden Regionen ist es kalt, es gibt es viel Eis und sie sind schwer zu erreichen. Auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht gleich erscheinen m\u00f6gen, k\u00f6nnten sich Arktis und Antarktis wohl kaum st\u00e4rker voneinander unterscheiden. Am Nordpol leben Eisb\u00e4ren, im S\u00fcden Pinguine. Die Arktis hat kein Festland, die Antarktis ist ein eigener Kontinent. Und viel wichtiger: beide Gebiete werden von L\u00e4ndern zu vereinnahmen versucht, was in den beiden F\u00e4llen zu g\u00e4nzlich unterschiedlichen geopolitischen L\u00f6sungsans\u00e4tzen f\u00fchrt. Da w\u00e4re auf der einen Seite der Erde die Antarktis: der einzige Kontinent, welcher von nur einer Handvoll Menschen bewohnt wird und der ausschlie\u00dflich durch die Wissenschaft genutzt werden darf. Zwar gibt es diverse Nationen, die einen (teilweise \u00fcberlappenden) Anspruch auf bestimmte Gebiete rund um den S\u00fcdpol geltend machen wollen, allerdings sind diese W\u00fcnsche dank des 1959\/61 geschlossenen Antarktisvertrages nur rein formeller Natur. Auf der anderen Seite der Welt befindet sich die Arktis. In den hohen n\u00f6rdlichen Breiten sieht die Situation schon etwas prek\u00e4rer aus: die Anrainerstaaten befinden sich alle in gr\u00f6\u00dferer N\u00e4he zueinander und begr\u00fcnden ihre Anspr\u00fcche auf dem Seerechts\u00fcbereinkommen (SR\u00dc), welches die Nutzungsbereiche der K\u00fcste f\u00fcr angrenzende Staaten legal definiert. So ist es f\u00fcr eine Nation gestattet, bis zu einer Entfernung von 200 Seemeilen zum Festland marine Ressourcen zu nutzen. Sollte sich jedoch zeigen, dass der Festlandsockel \u00fcber diese willk\u00fcrlich gesetzte Grenze hinaus geht, so darf ein Staat als ausschlie\u00dfliche Wirtschaftszone (AWZ) einen weit gr\u00f6\u00dferen Raum beanspruchen. Und nun wird auch schon das Problem der Arktis sichtbar: wem geh\u00f6rt sie? Nun das h\u00e4ngt davon ab, wer gefragt wird. Schlie\u00dflich m\u00f6chte jeder Anrainerstaat nat\u00fcrlich ein gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliches Nutzungsrecht erlangen (also einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Festlandsockel nachgewiesen bekommen). Berechtigterweise mag man sich jetzt auch die Frage stellen, welche Nutzung dieses kalte Klima \u00fcberhaupt zuzulassen vermag. Neben dem offensichtlichsten Grund \u2013 Fischfang \u2013 hat Dr. Moritz von Rochow noch weitere Motive zur Inanspruchnahme dieser Region dargelegt, wovon etliche momentan eher auf strategischer und hoffnungsgeplagter Voraussicht basieren. Da w\u00e4re zum einen die Tatsache, dass das europ\u00e4ische Nordmeer und das Nordpolarmeer einen taktischen Vorteil in einem m\u00f6glichen bewaffneten Konflikt bieten k\u00f6nnten, besonders im Hinblick auf die geografische N\u00e4he zwischen Russland und den USA. So hat Dr. Moritz von Rochow bereits zu Beginn gezeigt, mit welchem Eifer bspw. Norwegen eine milit\u00e4rische Pr\u00e4senz aufrecht erh\u00e4lt. Abgesehen von taktisch bedeutsamen Orten beherbergt die Arktis auch Ressourcen, die in Zukunft bedeutender werden k\u00f6nnten. So k\u00f6nnte der Tiefseeboden in dieser Region eine Vielzahl wertvoller Metalle, Minerale und \u00d6l enthalten, welche allerdings aufgrund des Eises nicht zug\u00e4nglich sind. Im Zuge des Klimawandels sieht sich die Arktis dramatischen Ver\u00e4nderungen gegen\u00fcber, vor allem, weil sie sich st\u00e4rker erw\u00e4rmt als andere Meeresgebiete. Das ist nat\u00fcrlich alles super schade, aber es w\u00e4re nat\u00fcrlich auch aus Sicht der Anrainerstaaten mindestens genauso traurig, wenn die ganzen Rohstoffe ungenutzt im Meer verblieben, drum sollte man sich n\u00f6tige Nutzungsrechte sichern bevor es zu sp\u00e4t ist. Wenn das Eis geschmolzen ist, sind nicht nur neue Rohstoffe zum Abbau bereit, es k\u00f6nnten auch weitere Schifffahrtswege frei werden. Bedeutend w\u00e4ren die Nordostpassage, die im Norden an Russland vorbeif\u00fchrt sowie die an der Westk\u00fcste Gr\u00f6nlands verlaufende Nordwestpassage. Beide Routen sind momentan nicht ganzj\u00e4hrig befahrbar und werden im Vergleich zu anderen Schifffahrtsrouten kaum genutzt. In der Zukunft k\u00f6nnten diese Routen aber etabliert werden, um G\u00fcter schneller und g\u00fcnstiger quer durch die Welt zu transportieren. Die Spannung ist in der Arktis also viel gr\u00f6\u00dfer als in der Antarktis, zumindest so lange, wie die Anspr\u00fcche auf antarktische Gebiete durch den Antarktisvertrag unterbunden werden. <\/p>\n\n\n\n<p><br>Mich als Biologiestudent interessiert an den beiden Polen nat\u00fcrlich vor allem die belebte Umwelt. Es wurde aber trotzdem auf unterhaltsame Weise durch Dr. Moritz von Rochow gezeigt, wie wichtig internationales Recht f\u00fcr die Verwaltung, Nutzung und letztlich den Schutz dieser besonderen \u00d6kosysteme ist. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich definitiv ein interssanter Perspektivenwechsel. Um auf die eingangs gestellte Frage zur\u00fcckzukommen: der Schein tr\u00fcgt. Zwar sind die Polarregionen derzeit recht schwer zug\u00e4nglich, doch erste Interessenskonflikte zeichnen sich bereits jetzt ab und machen auch nicht vor den abgeschiedensten Gebieten halt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:in: Toni Schwender Die Polargebiete stellen die letzten gro\u00dfen unber\u00fchrten Lebensr\u00e4ume der Natur dar. Eine schier unendliche Weite aus Eis erstreckt sich \u00fcber den Horizont, Wellen schlagen gegen das Schiff, kristallklare Eisbrocken treiben durch das Wasser und weit und breit keine Menschenseele. 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