{"id":1213,"date":"2026-06-01T09:47:00","date_gmt":"2026-06-01T07:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/?p=1213"},"modified":"2026-05-29T18:02:38","modified_gmt":"2026-05-29T16:02:38","slug":"wenn-zwei-sich-streiten-verlieren-wir-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/2026\/06\/01\/wenn-zwei-sich-streiten-verlieren-wir-alle\/","title":{"rendered":"Wenn zwei sich streiten, verlieren wir alle"},"content":{"rendered":"\n<p>Autorin: Miriam<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist meine Seepassage! \u2013 Nein, meine! \u2013 Aber ich war zuerst da und au\u00dferdem liegt sie in meiner N\u00e4he! Aus Sicht von jemandem, der sich bisher wenig mit V\u00f6lkerrecht besch\u00e4ftigt hat und der sich deutlich mehr daf\u00fcr interessiert, was in einem Gebiet herumschwimmt anstatt wem es geh\u00f6rt, klingen Auseinandersetzungen \u00fcber Wasserbereiche ehrlich gesagt ein bisschen nach Kindergarten. Unter Beachtung des aktuellen weltpolitischen Klimas wirkt es allerdings pl\u00f6tzlich nicht mehr so l\u00e4cherlich, wenn Russland Anstalten macht, arktische Gebiete f\u00fcr sich zu beanspruchen oder Donald Trump sich immer wieder nach Gr\u00f6nland reckt. Ob aus wirtschaftlichem oder milit\u00e4rischem Interesse, ein Vorgehen wie einst bei der Antarktis ist aktuell wohl eher unwahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Dabei w\u00e4re das ein gro\u00dfartiger L\u00f6sungsansatz: Ein Vertrag, in dem jegliche Interessen zugunsten gemeinsamer Vereinbarungen auf Eis gelegt werden. W\u00e4re es nicht gerade im Angesicht schmelzender Polkappen, abnehmender Artenvielfalt und sinkenden Best\u00e4nden nachhaltiger, sich auf eine gemeinsame Verantwortung zu besinnen? Von einer friedlichen, auf Naturschutz beruhenden L\u00f6sung k\u00f6nnten alle profitieren, vor allem zuk\u00fcnftige Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Leider ist die Situation am Nordpol nur bedingt mit der Antarktis vergleichbar. Hier sind potenzielle Schi\u01affahrtsrouten im Spiel, f\u00fcr die Regelungen gefunden werden m\u00fcssen: Wer darf wo wie durchfahren, wenn es eine v\u00f6lkerrechtliche Verwaltung gibt, wer stellt dann Lotsen, wer f\u00fchlt sich verantwortlich bei einem Schi\u01afsungl\u00fcck und den entsprechenden \u00f6kologischen Folgen? Au\u00dferdem sind die Anspr\u00fcche vom Festland aus hier direkter, einfach, weil Wirtschaftsnationen viel n\u00e4her daran liegen. Es ist eben einfacher, sich einzumischen, wenn das eigene Staatsgebiet direkt benachbart ist.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gleichzeitig ist die Frage, ob ein Vertrag wie in der Antarktis \u00fcberhaupt gew\u00fcrdigt w\u00fcrde beziehungsweise, wie seine Einhaltung kontrolliert werden kann. Bei den Polargebieten handelt es sich um unwirtliche und schlecht zug\u00e4ngliche R\u00e4ume, f\u00fcr die es schlicht keine Kapazit\u00e4ten gibt, um wissenschaftlichen Stationen regelm\u00e4\u00dfige Besuche abzustatten, damit dort nicht doch milit\u00e4rische Forschung betrieben wird oder um rigorose Kontrollen durchzuf\u00fchren, damit es nicht zu Grenz\u00fcberschreitungen in den Anspruchsgebieten kommt. Wenn bei wissenschaftlicher Forschung auf einmal Ergebnisse erzielt werden, die sich dann auch milit\u00e4risch nutzen lassen, kann dann schon von einem Vertragsbruch die Rede sein? Insgesamt scheinen v\u00f6lkerrechtliche Konventionen aktuell ohnehin an Wert zu verlieren. Wenn ein derart m\u00e4chtiger Staat wie die USA sich ohne gr\u00f6\u00dfere Konsequenzen Verst\u00f6\u00dfe leisten kann, die auch Zivilisten betre\u01afen, wen w\u00fcrde dann \u00fcberhaupt ein Versto\u00df in der Antarktis interessieren, wo doch blo\u00df ein paar Pinguine und Robben leben?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Genau das ist ein weiterer Knackpunkt: Zwischen wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Interessen drohen \u00f6kologische Interessen zu verschwinden. Als jemand, der letztere Interessen am ehesten vertritt, erscheint mir hier der Anspruch Kanadas auf die Nordwestpassage in Verbindung mit einem Umweltschutzgesetz weitaus berechtigter als der Anspruch Russlands auf die Nordostpassage. Allgemein habe ich den Eindruck, dass in der Debatte darum, wem welcher Teil der Pole zusteht, zu wenig Fokus auf den damit verbundenen Verantwortungen liegt. K\u00f6nnte es ein Gesetz geben, in dem ein Anspruch auf eine Polarinsel oder eine Passage direkt mit Verpflichtungen zum Schutz der dort ans\u00e4ssigen Meeres- und Landbewohner verbunden ist? W\u00fcrde ein solches Gesetz \u00fcberhaupt Beachtung finden, oder wie im Fall des Antarktis-Umweltprotokolls nur darauf gewartet werden, wann es zugunsten wirtschaftlich profitabler Ausbeutung der Natur abge\u00e4ndert werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Es war interessant, einen Einblick in die komplizierten Angelegenheiten von V\u00f6lkerrechter*innen zu erhalten, aber leider auch eher deprimierend. Schlupfl\u00f6cher werden ausgenutzt, Fronten sind verh\u00e4rtet und f\u00fcr die Naturwissenschaften interessiert man sich eigentlich nur, wenn sie gerade die eigenen Interessen unterst\u00fctzen. Als Biologiestudentin ho\u01afe ich, dass uns zugeh\u00f6rt wird, wenn es darauf ankommt, und wir in diesen Konflikten vielleicht ab und zu denen eine Stimme geben k\u00f6nnen, deren Anliegen sonst nicht geh\u00f6rt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autorin: Miriam Das ist meine Seepassage! \u2013 Nein, meine! \u2013 Aber ich war zuerst da und au\u00dferdem liegt sie in meiner N\u00e4he! 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