{"id":1202,"date":"2026-05-29T21:27:21","date_gmt":"2026-05-29T19:27:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/?p=1202"},"modified":"2026-05-29T17:01:44","modified_gmt":"2026-05-29T15:01:44","slug":"governance-des-ozeans-wem-gehortnord-und-sudpol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanvoices\/2026\/05\/29\/governance-des-ozeans-wem-gehortnord-und-sudpol\/","title":{"rendered":"Governance des Ozeans \u2013 Wem geh\u00f6rtNord- und S\u00fcdpol?"},"content":{"rendered":"\n<p>Autor*in: Anonym <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vortrag von Dr. Moritz von Rochow vom Walther-Sch\u00fctzing-Institut f\u00fcr<br>internationales Recht &#8211; Universit\u00e4t Kiel im Rahmen der Ringvorlesung<br>\u201eVerantwortung f\u00fcr das Erbe Meer\u201c im Sommersemester 2026 an der CAU Kiel.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gedanken, Sichtweisen und Erkenntnisse einer Erdsystemphysikerin<\/p>\n\n\n\n<p>Ein juristischer Vortrag ist doch mal eine interessante Abwechslung zu den sonst ziemlich mathematischen und physikalischen Modulen in meinem Studiengang \u201ePhysik des Erdsystems&#8221;. Ein etwas au\u00dfergew\u00f6hnlicher Studiengang, der sich mit verschiedensten physikalischen Prozessen vom Erdinneren \u00fcber Land und Meere bis in die Atmosph\u00e4re besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick gibt es keinen direkten Bezug zu juristischen Themen. Aber Gesetze, Absprachen, Regeln und Richtlinien gibt es in allen Bereichen unseres Lebens, wie es Herr Dr. von Rochow gegen Ende seines Vortrags treffend darstellt: Recht soll als Sprache und Werkzeug dienen, damit es nicht zu Missverst\u00e4ndnissen kommt und alle \u00fcber dasselbe sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so sind in diesem Fall die Polargebiete unserer Erde die gemeinsame Schnittstelle zwischen Jura und Physik des Erdsystems.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem etwa einst\u00fcndigen Vortrag zeigte Dr. von Rochow einige juristische Beispiele aus den Polarregionen unserer Erde auf. Dabei ging er auf aktuelle und historische Probleme ein und stellte Erfolgsgeschichten und Probleme dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand der Besitzanspr\u00fcche Kanadas wurde deutlich, dass Recht h\u00e4ufig nicht eindeutig ist, sondern Interpretationsspielraum l\u00e4sst. Ein Thema, mit dem man in der Mathematik und Physik eher selten konfrontiert ist\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inseln n\u00f6rdlich von Kanada geh\u00f6ren zu Kanada, doch wem geh\u00f6ren die Gew\u00e4sser? Sind es kanadische Hoheitsgew\u00e4sser oder internationale Gew\u00e4sser? 1973 erkl\u00e4rte Kanada, \u201edass die Gew\u00e4sser des kanadischen Archipels auf historischer Grundlage innere Gew\u00e4sser Kanadas sind&#8221;. Die USA und die europ\u00e4ische Gemeinschaft akzeptieren das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Frage zu kl\u00e4ren, werfen wir einen Blick ins Seerechts\u00fcbereinkommen (SR\u00dc). In Artikel 10 geht es um Buchten, das passt schon ganz gut, allerdings schlie\u00dft Absatz 6 historische Buchten explizit aus: \u201eDie vorstehenden Bestimmungen finden weder auf sogenannte \u201ehistorische&#8221; Buchten noch auf F\u00e4lle Anwendung, in denen das in Artikel 7 vorgesehene System der geraden Basislinien angewandt wird.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Urteil des internationalen Gerichtshofs (International Court of Justice) nennt \u201elong usage&#8221; als Voraussetzung f\u00fcr einen historischen Titel. Doch kann im Fall der kanadischen Inseln von \u201elong usage&#8221; die Rede sein, wenn das Gebiet teilweise ganzj\u00e4hrig von Eis bedeckt ist? Und was z\u00e4hlt als Nutzung? Einige Schiffe fahren dort entlang, aber im Vergleich zu anderen Gew\u00e4ssern ist die Anzahl verschwindend gering. Reicht das, um Kanadas Besitzanspr\u00fcche zu rechtfertigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Einen anderen Ansatz bietet der bereits erw\u00e4hnte Artikel 7 (SR\u00dc) zu Basislinien:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e(1) Wo die K\u00fcste tiefe Einbuchtungen und Einschnitte aufweist oder wo sich eine Inselkette entlang der K\u00fcste in ihrer unmittelbaren N\u00e4he erstreckt, kann zur Festlegung der Basislinie, von der aus die Breite des K\u00fcstenmeers gemessen wird, die Methode der geraden Basislinien angewandt werden, die geeignete Punkte miteinander verbinden.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier wird wieder klar, dass es auch Grauzonen gibt, die nicht eindeutig verst\u00e4ndlich sind. Das Prinzip der geraden Basislinien l\u00e4sst sich am Beispiel der Kieler F\u00f6rde leicht verstehen. Die Dimensionen sind allerdings nicht festgelegt. Nach diesem Prinzip k\u00f6nnte man auch eine gerade Basislinie von Flensburg bis Fehmarn ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Absatz 3 h\u00e4lt \u00e4hnlich viel Interpretationsspielraum offen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e(3) Der Verlauf gerader Basislinien darf nicht erheblich von der allgemeinen Richtung der K\u00fcste abweichen; die innerhalb dieser Linien gelegenen Seegebiete m\u00fcssen mit dem Landgebiet so eng verbunden sein, dass sie der Ordnung der inneren Gew\u00e4sser unterstellt werden k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was ist die \u201eallgemeine Richtung der K\u00fcste&#8221;? Am Beispiel der Ostsee k\u00f6nnte man diese grob als Ost-West-Richtung beschreiben. Bei R\u00fcgen verl\u00e4uft die K\u00fcste jedoch teilweise eher in Nord-S\u00fcd-Richtung. Es bleibt also unklar, in welchen Ma\u00dfst\u00e4ben diese Regel auszulegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur auf die Wassermassen erheben einige L\u00e4nder Besitzanspr\u00fcche, auch der Meeresgrund ist sehr begehrt. Dort werden Bodensch\u00e4tze vermutet, deren Abbau durch den Klimawandel in Zukunft vereinfacht werden k\u00f6nnte. Mit diesem Hintergedanken erheben schon jetzt Anrainerstaaten Besitzanspr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier spielt der Begriff des Festlandsockels (vereinfacht gesagt der flach abfallende Bereich der K\u00fcstengew\u00e4sser) eine entscheidende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Artikel 76 SR\u00dc \u201eDer Festlandsockel erstreckt sich stets mindestens 200 Seemeilen vom Basislinienabstand, unabh\u00e4ngig von der tats\u00e4chlichen geologischen Morphologie.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 200 Seemeilen stehen also jedem Staat zu. Mit geologischer Begr\u00fcndung kann diese Grenze allerdings ausgeweitet werden. So suchen einige Staaten jetzt also nach geologischen Beweisen, die daf\u00fcr sprechen, diese Grenzen auszuweiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Antr\u00e4ge zu bearbeiten gibt es die Festlandsockelkommission, die haupts\u00e4chlich aus Geolog*innen besteht. Hier treffen sich also Naturwissenschaften und Jura. Die Festlandsockelkommission gibt allerdings nur unverbindliche Empfehlungen und trifft keine Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endg\u00fcltig konnte die Eingangsfrage \u201eWem geh\u00f6rt Nord- und S\u00fcdpol?&#8221; aufgrund der angesprochenen Komplexit\u00e4t und juristischen Grauzonen nicht gekl\u00e4rt werden, doch ich denke, dass die Zuh\u00f6renden, die zu einem gro\u00dfen Teil aus den Naturwissenschaften kamen, einen guten Einblick in juristische Probleme und die Komplexit\u00e4t des internationalen Zusammenlebens erhalten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich wurde deutlich, dass eine Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaften und Jura oft notwendig ist, insbesondere wenn juristische Entscheidungen von nat\u00fcrlichen Gegebenheiten abh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee des Studiengangs \u201ePhysik des Erdsystems&#8221; ist es, die Prozesse auf der Erde als Gesamtsystem zu betrachten, zu sehen wie sie miteinander im Austausch stehen und sich gegenseitig beeinflussen, weil unsere Welt so komplex ist, dass sich kein Bereich einzeln betrachten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Idee l\u00e4sst sich auch auf das Zusammenspiel mit Jura anwenden. Juristische Entscheidungen finden nie isoliert statt: unterschiedliche nat\u00fcrliche, klimatische oder geologische Bedingungen beeinflussen unser gesamtes Leben auf der Erde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor*in: Anonym Ein Vortrag von Dr. Moritz von Rochow vom Walther-Sch\u00fctzing-Institut f\u00fcrinternationales Recht &#8211; Universit\u00e4t Kiel im Rahmen der Ringvorlesung\u201eVerantwortung f\u00fcr das Erbe Meer\u201c im Sommersemester 2026 an der CAU Kiel. 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