{"id":605,"date":"2021-09-21T16:44:36","date_gmt":"2021-09-21T15:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/?p=605"},"modified":"2021-09-21T16:44:36","modified_gmt":"2021-09-21T15:44:36","slug":"vom-alleinsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/2021\/09\/21\/vom-alleinsein\/","title":{"rendered":"Vom Alleinsein"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p><em>Seit \u00fcber einem Jahr betreue ich die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der drei Projekte der Ozeanforschung <a href=\"https:\/\/www.ebus-climate-change.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CUSCO, EVAR und REEBUS<\/a>. Seitdem ist viel passiert \u2013 Corona, Lockdown, (vor\u00fcbergehende) Homeoffice-Pflicht. Doch nun ist etwas Neues geschehen, mit dem ich nicht gerechnet habe.<\/em><br \/><em>Ich bin allein. Allein im B\u00fcro, allein im Flur, allein in der Abteilung. Hintergrund ist, dass meine Kolleg*innen zum Gro\u00dfteil nach Gran Canaria gereist sind. Zum n\u00e4chsten Mesokosmos-Experiment vom Projekt <a href=\"https:\/\/www.oceannets.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">OceanNETs<\/a>. Und auf einmal bin ich auf der Arbeit weniger unter Menschen, als ich es selbst im Lockdown gewesen bin.<\/em><\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Ich g\u00f6nne es ihnen. Ein bisschen Sonne l\u00e4sst sich jetzt aushalten. Hier in Deutschland gr\u00fc\u00dft schon der Herbst. Womit ich nicht gerechnet habe, war, wie sehr mich das Alleinsein auf der Arbeit besch\u00e4ftigen w\u00fcrde. Die erste halbe Stunde war gro\u00dfartig \u2013 endlich Ruhe. Danach wurde es langweilig.<br>Es gibt genug zu tun. Mehr als genug, sogar. Aber irgendetwas fehlt. Ich wei\u00df nicht, ob es die kurzen Morgengr\u00fc\u00dfe sind oder die Hintergrundger\u00e4usche auf dem Flur. Vielleicht sind es die kleinen Anekdoten der Wissenschaftler*innen oder, meinem Kollegen jederzeit Fragen stellen zu k\u00f6nnen, wenn ich nicht weiterkomme, und mit ihm gemeinsam neue Thesen zu er\u00f6rtern.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/09\/Empty-Alleyways_GEOMAR-1.jpg\" alt=\"Frau im leeren Gang vom GEOMAR mit geschlossenen B\u00fcrot\u00fcren\" data-id=\"610\" data-full-url=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/09\/Empty-Alleyways_GEOMAR-1.jpg\" data-link=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/?attachment_id=610#main\" class=\"wp-image-610\" \/><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\">Leere Flure \u2013 Alleinsein ist f\u00fcr mich am GEOMAR neu.<\/figcaption><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Die meisten Menschen, die ich kenne, k\u00f6nnen in mehrfach besetzten B\u00fcros nicht gut arbeiten. L\u00e4rm lenkt sie ab. Mich lenkt Stille ab. Ich habe die \u00d6ffentlichkeitsarbeit gew\u00e4hlt, weil ich gern unter Menschen bin. Nach der Arbeit sch\u00e4tze ich Ruhe schon auch, aber tags\u00fcber liebe ich es, mit Personen zu sprechen und \u00fcber sie zu berichten. Was sie umtreibt. Wer sie sind. Was sie arbeiten, und wieso. \u00d6ffentlichkeitsarbeit ohne Menschen ist wie Fische ohne Wasser. Noch existent, aber nicht mehr lange gut.<\/p>\n<p>Allerdings glaube ich, dass sich das Arbeiten als Wissenschaftler*in viel \u00f6fter und l\u00e4nger allein, vielleicht sogar einsam anf\u00fchlen kann. Das, was ich erlebe, nur f\u00fcr etwa zwei Monate, erfahren andere \u00fcber den Gro\u00dfteil ihrer wissenschaftlichen Laufbahn hinweg.<br>\nIn den Ozeanwissenschaften vielleicht weniger als woanders. Feldexperimente und Ausfahrten mit Schiffen schwei\u00dfen zusammen. Notgedrungen ist man hier monatelang mit einem Team gemeinsam unterwegs. Aber Wissenschaft besteht sonst meist aus eigenen Versuchen, Laborarbeit und dem langwierigen Schreiben von Publikationen. Und auch die Ozeanwissenschaftler*innen sind nicht durchgehend unterwegs oder unter Menschen. Irgendwann m\u00fcssen die Ergebnisse schlie\u00dflich ausgewertet und ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<h4><span style=\"color: #008080\">Alleinsein als Gewinn vs. Alleinsein als St\u00f6rzeiger<\/span><\/h4>\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Alleinsein hat nicht zwingend etwas mit der Anzahl der Personen um einen herum zu tun. In der Wissenschaft ist man schnell sich selbst \u00fcberlassen. Bei der Bachelorarbeit hilft einem meist noch jemand. Wenn es gut l\u00e4uft, sp\u00e4ter auch. Aber es l\u00e4uft nicht immer gut. Auch die Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse, in denen man sich als junge*r Wissenschaftler*in befindet, k\u00f6nnen einem das Gef\u00fchl geben, allein zu sein. Allein mit allem. Auch mit allen Problemen.<\/p>\n<p>Wer sich nach Ruhe im B\u00fcro sehnt, f\u00fcr den ist Alleinsein ein Benefit. Im System Wissenschaft kann das Gef\u00fchl allein zu sein der St\u00f6rzeiger sein, f\u00fcr etwas Gr\u00f6\u00dferes. F\u00fcr etwas Systemisches, das hakt. Und da die Struktur ausgepr\u00e4gt hierarchisch ist, es auch kein Beschwerdemanagement oder Alternativen zum Wechseln gibt, kann sich, wer hier allein ist, tats\u00e4chlich nur selber helfen. Vernetzung \u00fcber das Internet kann einem in solchen Situationen inzwischen zumindest moralische Unterst\u00fctzung geben.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<h4><span style=\"color: #008080\">Hilf dir selbst, dann hilft dir \u2013 das neu gegr\u00fcndete Team<\/span><\/h4>\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Eine der wenigen Kolleg*innen aus den Ozeanprojekten, die mit mir am GEOMAR geblieben sind, best\u00e4tigt viele meiner Eindr\u00fccke: Wissenschaft ist ein hartes Feld, das sich ziemlich einsam anf\u00fchlen kann \u2013 wobei das auf viele andere Jobs sicherlich auch zutrifft. Ihre L\u00f6sung f\u00fcr das Problem, als es sie selbst betraf, war, gemeinsam mit anderen Kolleg*innen, die gerade ihren Doktor machten oder sich in der Zeit nach ihrem Doktor befanden, regelm\u00e4\u00dfige Treffen zu organisieren (das <a href=\"https:\/\/www.geomar.de\/karriere-campus\/campus\/doktorandin\/geomar-dokteam\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dok-Team<\/a> und das <a href=\"https:\/\/www.geomar.de\/postdoc-team\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Postdoc-Team<\/a>). Um dem Alleinsein entgegenzuwirken. Jemanden f\u00fcr fachlichen und auch seelischen Austausch zu haben. Um einfach mal wertungsfrei eine gute oder schlechte Zeit in der Wissenschaft haben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Ich habe nur zwei Monate zu \u00fcberbr\u00fccken, bis es in der Abteilung wieder laut wird. Andere k\u00f6nnen sich das nicht aussuchen und m\u00fcssen lange durch das Alleinsein durchpushen. Davor habe ich ganz sch\u00f6n Respekt.<br>Als kleine L\u00f6sung f\u00fcr die Momente, in denen ich gern meinen Kollegen wieder im B\u00fcro h\u00e4tte, schreibe ich nun einfach irgendeine Frage, die ich ihm stellen w\u00fcrde, wenn er da w\u00e4re, auf einen Notizzettel und klebe diesen auf seinen Rechnerbildschirm. Mittendrauf. Damit er merkt, wie sehr ich unseren gemeinsamen Austausch vermisst habe, wenn er zur\u00fcckkommt.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"746\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/09\/Workspace-office-with-memos-on-screen.jpg\" alt=\"Workspace in office with memos on screen\" data-id=\"623\" data-full-url=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/09\/Workspace-office-with-memos-on-screen.jpg\" data-link=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/workspace-office-with-memos-on-screen\/\" class=\"wp-image-623\" \/><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\">Mein Kollege ist noch zwei Monate weg. Wenn er wiederkommt, wird sein Bildschirm wahrscheinlich voller gelber Zettel sein. Daf\u00fcr lege ich ihm auch eine Tafel Schokolade auf den Schreibtisch.<\/figcaption><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:22% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/02\/AnnKristin-Montano_sw-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-239 size-full\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><em>Autorin: Ann Kristin Montano<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p><em data-rich-text-format-boundary=\"true\">Ehemalige Wissenschaftlerin, die lange genug in anderen Bereichen gearbeitet hat, um Klischees \u00fcber Wissenschaftler*innen aufzubauen. Arbeitet jetzt gern unter Wissenschaftler*innen, um die Klischees wieder abzubauen. Bef\u00fcrchtet inzwischen, dass die R\u00fcckkehr zur lauten Normalit\u00e4t in zwei Monaten viel schwieriger wird, als jetzt die Umstellung zur Ruhe.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit \u00fcber einem Jahr betreue ich die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der drei Projekte der Ozeanforschung CUSCO, EVAR und REEBUS. Seitdem ist viel passiert \u2013 Corona, Lockdown, (vor\u00fcbergehende) Homeoffice-Pflicht. Doch nun ist etwas Neues geschehen, mit dem ich nicht gerechnet habe.Ich bin allein. Allein im B\u00fcro, allein im Flur, allein in der Abteilung. 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