{"id":559,"date":"2021-08-27T16:03:14","date_gmt":"2021-08-27T15:03:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/?p=559"},"modified":"2021-08-27T16:03:14","modified_gmt":"2021-08-27T15:03:14","slug":"die-einzelkampferischen-teamplayer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/2021\/08\/27\/die-einzelkampferischen-teamplayer\/","title":{"rendered":"Die einzelk\u00e4mpferischen Teamplayer"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Ein Arbeitsplatz birgt Herausforderungen \u2013 immer, eigentlich. Diese k\u00f6nnen aus Schichtzeiten, sich \u00e4ndernden Arbeitsorten oder charakterlichen Anforderungen bestehen. Worin genau die Herausforderungen bestehen, h\u00e4ngt vom jeweiligen Arbeitsplatz ab. An manchen Arbeitspl\u00e4tzen ist die Situation besonders komplex. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Wissenschaft.<\/p>\n<p>Ein kennzeichnendes Merkmal wissenschaftlicher Arbeit ist es, sich laufend mit anderen Wissenschaftler*innen und Institutionen zu vernetzen und mit diesen zu kooperieren. Es wird zusammengearbeitet und zusammen geforscht. An wissenschaftlichen Publikationen arbeiten mehr als ein*e Autor*in. Gerade in den Ozeanwissenschaften werden zudem viele Feldexpeditionen mit gro\u00dfen Gruppen von Wissenschaftler*innen unternommen, die dann \u00fcber mehrere Wochen gemeinsam auf einem Schiff leben und Proben nehmen. An einem solchen Arbeitsplatz ist es sehr wichtig, ein Teamplayer zu sein.<\/p>\n<p>Auch ein kennzeichnendes Merkmal wissenschaftlicher Arbeit ist es, laufend mit anderen Wissenschaftler*innen und Institutionen in Konkurrenz zu stehen. Daten und Ergebnisse sind wertvoll, sozusagen die W\u00e4hrung, mit der in der Wissenschaft bezahlt wird. Wessen Name zuerst auf einer wissenschaftlichen Publikation erscheint, gilt als Erstautor*in und wird damit haupts\u00e4chlich zitiert. Je mehr Publikationen man vorweisen kann, desto weiter kommt man in dem Berufsfeld. Das ist wichtig, denn Stellen, genauso wie Anerkennung, sind hier rar ges\u00e4t und sehr begehrt. Man k\u00f6nnte so weit gehen, zu sagen: Wer sich hier durchsetzt und auf den pers\u00f6nlichen Fortschritt achtet, gewinnt. Publish or perish \u2013 ver\u00f6ffentliche oder verschwinde (in der Belanglosigkeit, dem Auslaufen des Vertrages, aus der Wissenschaft).<br>\nAn einem solchen Arbeitsplatz ist es sehr wichtig, Einzelk\u00e4mpfer*in zu sein.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<h4><span style=\"color: #008080\">Ein eigentlich unm\u00f6glicher Arbeitsplatz<\/span><\/h4>\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Wissenschaft ist also ein Arbeitsplatz, der besonders einzelk\u00e4mpferische Personen, aber auch besonders teamorientierte Personen bevorzugt. Das ergibt wenig Sinn. Wie soll sich eine Person in diesem Gegensatz zurechtfinden?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist genau das ein Punkt, der viele Menschen in der Forschung bewegt. \u201aWie sehr muss ich jetzt an mich und meinen Werdegang denken?\u2018, versus \u201aWie sehr k\u00fcmmere ich mich um andere, die weniger Erfahrung haben?\u2018 Oder \u201aWie sehr muss ich auf meine Daten aufpassen?\u2018, versus \u201aWie offen kann ich mit meinen Ergebnissen sein und sie mit anderen Wissenschaftler*innen teilen?\u2018 Eine wirkliche Klarheit scheint es hier nicht zu geben. Vieles spielt sich im Rahmen von Menschenkenntnis, pers\u00f6nlicher Entscheidung und Fachbereich ab.<\/p>\n<p>Wie schon einige Male zuvor, wenn mich eine Frage bewegt, spreche ich mit Ozeanwissenschaftler*innen aus den Ozeanprojekten <a href=\"https:\/\/www.ebus-climate-change.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CUSCO, EVAR und REEBUS<\/a> \u00fcber ihre Sicht auf das Thema. Was mir zuerst auff\u00e4llt: Die R\u00fcckmeldungen sind andere, wenn ich das Gespr\u00e4ch aufzeichne, als wenn ich nach Ende der Aufzeichnung noch einmal privat mit den Forschenden spreche. Teilweise f\u00e4llt ihnen sogar selbst auf, dass sich die Dynamik \u00e4ndert, wenn man \u201afrei reden kann\u2018. F\u00fcr mich sagt das schon einiges \u00fcber die Problematik aus. Zumindest n\u00e4mlich, dass sie bekannt ist. Und wohl auch Teil einer nicht ganz einfachen Situation, in der sich die Menschen in der Wissenschaft befinden.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<h4><span style=\"color: #008080\">Es krankt am System, nicht an der Idee<\/span><\/h4>\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Vieles funktioniert gut, und es ist auch allen wichtig, das zu sehen und zu sagen. Wissenschaft wird nach ethischen Standards betrieben, die Erfahrungen sind durchweg positiv. Daten werden bei Kooperationen sinnvoll geteilt und ausgetauscht. Die Stimmung unter den Forschenden ist vertrauensvoll.<br>\nGleichzeitig wird mir aber auch gesagt, dass Ozeanwissenschaften, mehr als alle anderen, ein Feld sind, in dem eine besonders enge Verzahnung notwendig ist. Dass hierdurch auch die Dynamik eine andere sein kann. Dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und Datenaustausch notwendig sind, um wissenschaftliche Publikationen sinnvoll erstellen zu k\u00f6nnen. Und, dass es in anderen Bereichen der Wissenschaft immer wieder Berichte gibt, von Leuten, die genau dem genannten Problem begegnet sind: Ideen- und Datenklau. Oder einfach dem Gef\u00fchl, st\u00e4ndig auf einem Grat zu wandern, zwischen zu viel und zu wenig Preisgabe. Und ganz frei sind die Ozeanwissenschaften von dem Gegensatz zwischen Teamplay und Einzelkampf auch nicht. Das merke ich sp\u00e4testens, als sich eine Situation zwischen zwei Kollegen pl\u00f6tzlich komisch anf\u00fchlt \u2013 misstrauisch.<\/p>\n<p>Wissenschaft muss ein St\u00fcck weit konkurrieren. Das erschlie\u00dft sich mir. Wettbewerb f\u00f6rdert kreativen Fortschritt und qualitativ hochwertige Ergebnisse. Wie so oft ist es das Ma\u00df, das zu entscheiden scheint, wie sehr der Wettbewerb die Qualit\u00e4t der Wissenschaft auf gesunde Weise beg\u00fcnstigt oder aber zu viel Druck aufbaut und dadurch eher problematische Arbeitsweisen erzeugt. Arbeiten in der Wissenschaft ist immer ein Balanceakt. Da kommt man nicht drum rum. Der beste Weg scheint der jetzige Zustand allerdings nicht zu sein. Und eine wirklich gute L\u00f6sung scheint es f\u00fcr das Dilemma nicht zu geben. Daf\u00fcr m\u00fcsste sich das Wissenschaftssystem wandeln, mehr feste Stellen und Perspektiven bieten, um den Konkurrenzkampf ein wenig zu entspannen.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<h4><span style=\"color: #008080\">Es gibt L\u00f6sungen \u2013 es fehlt an der Umsetzung<\/span><\/h4>\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p>Es gibt bereits den Ansatz, wissenschaftliche Daten allen Disziplinen und allen Generationen unkompliziert zur Verf\u00fcgung zu stellen. Zum Beispiel \u00fcber das System Pangea oder die Helmholtz Metadata Collaboration. Ihr Ziel ist es, Daten f\u00fcr die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft auffindbar, zug\u00e4nglich und wiederverwendbar zu machen \u2013 ganz ohne Konkurrenzdenken.<br>\nWenn solche Ans\u00e4tze, f\u00fcr die Gemeinschaft beizutragen, h\u00f6here Bedeutung erlangten, ja sogar ma\u00dfgeblich beteiligt w\u00e4ren, an der Entscheidung, wer f\u00fcr Stellen ber\u00fccksichtigt oder wer als Gr\u00f6\u00dfe im Fachbereich anerkannt wird, w\u00fcrde der Fokus der Wissenschaft tats\u00e4chlich mehr auf die Daten selbst gelegt werden. Und auf eine gute Zusammenarbeit, um sie zu erfassen. Weniger auf das Datenhorten, um ja selbst zu publizieren.<\/p>\n<p>Nur Einzelk\u00e4mpfer*in zu sein, w\u00fcrde zurzeit in der Wissenschaft besser funktionieren, als nur Teamplayer zu sein, wird mir abschlie\u00dfend gesagt. Teil der Wissenschaftsgemeinschaft w\u00e4re man, wenn es zu egozentrisch wird, dann aber nicht unbedingt. Vielleicht ist dieser soziale Faktor, dieses Streben, akzeptiert zu sein, unter den Leuten, mit denen man so viel teilt, der Punkt, der daf\u00fcr sorgt, dass doch vieles gemeinsam geht, in der Forschung. Und dass es auszuhalten bleibt, mit dem Konkurrenzdenken. Ein systemischer Wandel zugunsten besserer Wissenschaft und den Menschen, die sie betreiben, ist auf Dauer aber unvermeidlich. Ewig weitergehen, kann es so nicht.<\/p>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:22% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1000\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceanstories-ebus\/wp-content\/uploads\/sites\/74\/2021\/02\/AnnKristin-Montano_sw-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-239 size-full\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><em>Autorin: Ann Kristin Montano<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<p><em data-rich-text-format-boundary=\"true\">Ehemalige Wissenschaftlerin, die lange genug in anderen Bereichen gearbeitet hat, um Klischees \u00fcber Wissenschaftler*innen aufzubauen. Arbeitet jetzt gern unter Wissenschaftler*innen, um die Klischees wieder abzubauen. Hat lange vor diesem Text gesessen. Hat nach Gespr\u00e4chen mit vielen Kolleg*innen letztlich auch positive Ans\u00e4tze f\u00fcr die Problematik gefunden. H\u00e4lt einen grundlegenden Systemwandel f\u00fcr diesen Punkt dennoch f\u00fcr unabdingbar.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Arbeitsplatz birgt Herausforderungen \u2013 immer, eigentlich. Diese k\u00f6nnen aus Schichtzeiten, sich \u00e4ndernden Arbeitsorten oder charakterlichen Anforderungen bestehen. Worin genau die Herausforderungen bestehen, h\u00e4ngt vom jeweiligen Arbeitsplatz ab. An manchen Arbeitspl\u00e4tzen ist die Situation besonders komplex. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Wissenschaft. 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