{"id":3116,"date":"2015-12-30T14:07:54","date_gmt":"2015-12-30T12:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/?p=3116"},"modified":"2015-12-30T14:09:49","modified_gmt":"2015-12-30T12:09:49","slug":"meerspaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/2015\/12\/30\/meerspaziergang\/","title":{"rendered":"Spaziergang am Meer"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten. Jahresende. Strandspaziergang. Sonne und Wind von vorn. Ich blicke auf die Wellen &#8211; und stolpere \u00fcber meinen eigenen Gedanken: Wie viel Plankton tummelt sich wohl gerade neben mir? Da muss doch m\u00e4chtig was los sein! Die mehr als sechs Jahre in der GEOMAR-Pressestelle haben meinen Blick aufs Meer ver\u00e4ndert&#8230;<\/p>\n<p>Fischkisten, Helme, Schuhe, Kanister, Taue und Netze sind mit dem Sturm der vergangenen Tage angeschwemmt worden. Manch einer baut daraus Strandburgen. Als Kind habe ich die Seile gesammelt und Knoten ge\u00fcbt. Jetzt frage ich mich, ob ich die Kraft habe, sie bis zum n\u00e4chsten M\u00fclleimer mitzuschleppen. Bei dem Gegenwind?! Auf dem weichen Sand?! Ausreden sind schnell gefunden. Aber im n\u00e4chsten Jahr helfe ich beim Strandaufr\u00e4umen! Selbst, wenn es nur ein kleiner Schritt im Kampf gegen die Verschmutzung ist.<\/p>\n<p>Denn da drau\u00dfen im Ozean kreisen Unmengen von M\u00fcll. Die gro\u00dfen Kunststoffteile sind vielleicht nicht einmal das gr\u00f6\u00dfte Problem: Fein zerrieben geraten sie als Mikroplastik ins \u00d6kosystem. Einige Tiere nehmen sie mit der Nahrung auf und sammeln Schadstoffe, die auf dem Kunststoff haften, in ihren K\u00f6rpern an. So kann die Chemie irgendwann auf unseren Tellern landen.<\/p>\n<p>Das internationale Studentenprogramm GAME hat sich zwei Jahre lang mit dieser Problematik besch\u00e4ftigt \u2013 mehr dar\u00fcber im <a href=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/game\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a> und in diesem <a href=\"https:\/\/youtu.be\/raW3k5r4oVI\" target=\"_blank\">Film<\/a> \u2013 und untersucht 2016 noch einmal, inwiefern Mikroplastik Meeresorganismen sch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Es scheint, als k\u00e4men einige Muscheln, Seegurken oder Wattw\u00fcrmer mit den winzigen Partikeln einigerma\u00dfen zurecht, sofern\u00a0 sie nicht schon unter anderen Stressfaktoren leiden. Eine wirklich gute Nachricht ist aber diese: Mikroplastik in Kosmetika und Plastikt\u00fcten werden nach und nach verbannt. Und das \u00f6ffentliche Bewusstsein w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Aber apropos Treibgut: Dieser Sturm! Und dann die W\u00e4rme! Es liegt nahe, die Extreme auf den Klimawandel zur\u00fcckzuf\u00fchren. So kurz nach dem <a href=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/2015\/12\/16\/cop21\/\" target=\"_blank\">Welt-Klimagipfel in Paris<\/a> wirken sie fast wie inszeniert. Hauptverd\u00e4chtiger ist El Ni\u00f1o \u2013 doch der m\u00fcsste in Europa eigentlich eher f\u00fcr K\u00e4lte sorgen, erkl\u00e4rte Prof. Mojib Latif vom GEOMAR der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/klima\/haengt-die-staerke-von-el-ni-o-mit-unserem-milden-winter-zusammen-13985163.html\" target=\"_blank\">Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/a>. Gefragt, ob die Erderw\u00e4rmung diese Ph\u00e4nomene verschlimmert, sagt er, es k\u00f6nne sich um keinen Zufall mehr handeln. Und diese Aussage will bei ihm etwas hei\u00dfen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3120\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/12\/Strand_MaikeNicolai-GEOMAR-Logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3120\" class=\"wp-image-3120 size-full\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/12\/Strand_MaikeNicolai-GEOMAR-Logo.jpg\" alt=\"Fu\u00dfspuren am Strand. Foto: Maike Nicolai, GEOMAR\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/12\/Strand_MaikeNicolai-GEOMAR-Logo.jpg 1000w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/oceannavigator\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/12\/Strand_MaikeNicolai-GEOMAR-Logo-467x350.jpg 467w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3120\" class=\"wp-caption-text\">Fu\u00dfspuren am Strand. Foto: Maike Nicolai, GEOMAR<\/p><\/div>\n<p>Eine Welle sp\u00fclt mir eine Rippenqualle vor die F\u00fc\u00dfe. Hallo, Du sch\u00f6ne Einwanderin! So auf dem Sand kann das weintraubengro\u00dfe Tier, das eigentlich gar keine Qualle ist, weil ihm die Nesself\u00e4den fehlen, seine Faszination allerdings nicht so recht entfalten. Wie anders wirken seine Artgenossen, wenn sie vorm Fenster des Tauchboots JAGO vorbeischweben und bunte Lichtblitze \u00fcber ihre Au\u00dfenhaut schicken!<\/p>\n<p>Dr. Jamileh Javidpour, die hier auf <a href=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/jellymeter\/\" target=\"_blank\">Oceanblogs<\/a> \u00fcber ihre Arbeit berichtet, hat die Art <em>Mnemiopsis leidyi<\/em> vor fast zehn Jahren erstmals in der Kieler F\u00f6rde entdeckt. Kurz darauf meldeten Meeresbiologen von der Nordsee erste Funde. Seither werden die Rippenquallen, die \u2013 <a href=\"http:\/\/www.geomar.de\/de\/news\/article\/die-invasion-kam-aus-neuengland\/\" target=\"_blank\">das zeigten Genanalysen des GEOMAR<\/a> \u2013 aus Nordamerika zu uns kamen, eifrig erforscht. Ihr <a href=\"http:\/\/www.geomar.de\/de\/service\/kommunikation\/singlepm\/article\/rippenquallen-erkennen-ihre-feinde-wieder\/\" target=\"_blank\">Immunsystem ist so lernf\u00e4hig<\/a>, dass sich die empfindlich wirkenden Tiere in ihrem neuen Lebensraum leicht durchsetzen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Rippenquallen z\u00e4hlen zum Plankton (\u201edie mit der Str\u00f6mung schwimmen\u201c). Aber es gibt noch so viele weitere, kleinere Arten! <em>Emiliania huxleyi<\/em> zum Beispiel, ein Schl\u00fcsselorganismus aus Sicht all derer, die Auswirkungen der Ozeanversauerung untersuchen.<\/p>\n<p>Die einzellige Kalkalge transportiert Kohlenstoff in den tiefen Ozean und f\u00f6rdert so seine Speicherkapazit\u00e4t f\u00fcr Kohlendioxid. Au\u00dferdem setzt sie ein klimak\u00fchlendes Gas mit dem sperrigen Namen Dimethylsulfid frei und tr\u00e4gt auch damit dazu bei, den Klimawandel abzumildern. Ach, und der Duft des Meeres &#8211; auch das ist Dimethylsulfid. Wir sollten <em>Emiliania<\/em> also wie eine gute Freundin begr\u00fc\u00dfen, wenn wir am Strand spazieren gehen (obwohl wir sie mit blo\u00dfem Auge nicht sehen k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Leidet sie unter steigenden Kohlendioxid-Konzentrationen im Ozean oder profitiert sie wohlm\u00f6glich? Eine <a href=\"http:\/\/www.sciencemag.org\/content\/350\/6267\/1533?explicitversion=true&amp;cited-by=yes&amp;legid=sci;350\/6267\/1533\" target=\"_blank\">Ver\u00f6ffentlichung im Fachmagazin Science<\/a> stellte k\u00fcrzlich Beobachtungen aus Labor- und Freilandstudien in Frage. Der Science-Artikel beruht allerdings auf nicht ganz unumstrittenen Methoden.<\/p>\n<p>Die Forscher um Prof. Ulf Riebesell und Prof. Thorsten Reusch vom GEOMAR sehen eher, dass <em>Emiliania<\/em> im saureren Wasser keine Chance hat, sich im Nahrungsnetz zu behaupten \u2013 auch dann nicht, wenn sie sich per Evolution \u00fcber hunderte Generationen an die neuen Bedingungen angepasst hat. Beim diesj\u00e4hrigen Langzeit-Experiment mit den Kieler KOSMOS-Mesokosmen zeigte sich dies in aller Deutlichkeit. Da einige <a href=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/kosmos2015\/top-predators\/\" target=\"_blank\">Journalisten bei uns auf der Forschungsstation waren<\/a>, als die Zellzahlen pl\u00f6tzlich einbrachen und die Biologen um eine Erkl\u00e4rung rangen, ist der entscheidende Moment gut dokumentiert &#8211; zum Beispiel von Christine Westerhaus im <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/meeresversauerung\/-\/id=661224\/did=15711878\/nid=661224\/v363ho\/\" target=\"_blank\">S\u00fcdwestrundfunk<\/a>.<\/p>\n<p>Ob sich <em>Emiliania<\/em> da drau\u00dfen gerade fr\u00f6hlich zellteilt, nicht ahnend, welche Ver\u00e4nderungen der Klimawandel f\u00fcr sie bringt?<\/p>\n<p>Im Grunde k\u00f6nnen auch wir nur vermuten, wie die Zukunft der Ozeane aussieht. Aber wir k\u00f6nnen &#8211; mit all unserem Wissen &#8211; anders aufs Meer blicken. Wir k\u00f6nnen versuchen, es zu verstehen. Und wir k\u00f6nnen jetzt noch dazu beitragen, die schlimmsten Ver\u00e4nderungen des globalen Wandels aufzuhalten.<\/p>\n<p>Also: Auf ein gutes neues Jahr 2016!<\/p>\n<p>Maike Nicolai<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten. Jahresende. Strandspaziergang. Sonne und Wind von vorn. Ich blicke auf die Wellen &#8211; und stolpere \u00fcber meinen eigenen Gedanken: Wie viel Plankton tummelt sich wohl gerade neben mir? Da muss doch m\u00e4chtig was los sein! 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