{"id":296,"date":"2019-09-12T14:03:29","date_gmt":"2019-09-12T12:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/?p=296"},"modified":"2019-09-12T14:03:30","modified_gmt":"2019-09-12T12:03:30","slug":"mikroplastik-in-ackerboeden-die-uebersehene-verschmutzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/2019\/09\/12\/mikroplastik-in-ackerboeden-die-uebersehene-verschmutzung\/","title":{"rendered":"Mikroplastik in Ackerb\u00f6den \u2013 Die \u00fcbersehene Verschmutzung?"},"content":{"rendered":"\n<p>Mikroplastik wurde bereits im Meer, in Seen und in Fl\u00fcssen gefunden. Doch wie sieht es eigentlich auf dem Land, insbesondere in den zur Nahrungsmittelproduktion genutzten Ackerb\u00f6den, aus? Hierzu wissen wir noch so gut wie nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschlandweit gibt es zurzeit n\u00e4mlich erst eine Studie zum Thema Mikroplastik in Ackerb\u00f6den. Und das obgleich mehr als 50% der Fl\u00e4che Deutschlands landwirtschaftlich genutzt werden und Ackerland mit \u00fcber 11 500 ha den gr\u00f6\u00dften Anteil dieser genutzten Fl\u00e4che einnimmt. Ein Forscherteam der Universit\u00e4t Bayreuth hat 2018 auf einer Ackerfl\u00e4che in Bayern Bodenproben aus einer Tiefe von 5 cm genommen, die enthaltenen Kunststoffteile von den organischen und mineralischen Komponenten des Bodens getrennt und mit spektroskopischen Methoden identifiziert. Gefunden haben sie 206 Mikroplastikteile pro Hektar und konnten damit f\u00fcr Ackerb\u00f6den ein bisher ungeahntes Ma\u00df an Kontamination durch Kunststoffe aufzeigen. Die gefundene Menge ist insofern besonders beunruhigend, da auf der untersuchten Fl\u00e4che in den letzten Jahren weder Mulchfolien noch D\u00fcngemittel, wie Kl\u00e4rschlamm oder Kompost, verwendet wurden. Diese wurden in der Vergangenheit n\u00e4mlich in verschiedenen Studien als Senken f\u00fcr Mikroplastik identifiziert. Als Abfall, der bei der Abwasserbehandlung entsteht, besteht Kl\u00e4rschlamm aus organischen und mineralischen Stoffen und beinhaltet zudem die Kunststoffe, die ins Abwassersystem gelangen. Dies sind z.B. Fasern aus synthetischer Kleidung, die beim Waschen frei werden, oder kleine Peelingk\u00f6rper aus Kosmetika. Kompost ist der geschredderte und kompostierte Biom\u00fcll von Haushalten und aus der Industrie. Leider wird er vor der Entsorgung nicht immer ausgepackt und die Verpackung ist dann Teil des Abfalls bzw. es wird f\u00e4lschlicherweise Kunststoffm\u00fcll in die Biom\u00fclltonne geschmissen, so dass dieser dann mit in die Kompostierung gelangt und schlussendlich auf den \u00c4ckern landet.<\/p>\n\n\n\n<p>In unseren Masterarbeiten untersuchen wir \u2013 Ivy Harms und Saskia Troegel \u2013 nun ein gr\u00f6\u00dferes Gebiet als die Bayreuther Kollegen und f\u00fchren eine Datenerhebung f\u00fcr ganz Schleswig-Holstein durch. Ivy wird dabei die r\u00e4umliche Verteilung des Mikroplastiks auf den Ackerschl\u00e4gen untersuchen und stellt sich vor allem die Frage, ob die Plastikpartikel \u00fcber die drei Tiefen, aus denen wir Bodenproben genommen haben, sowie innerhalb eines Schlags gleichm\u00e4\u00dfig verteilt sind. Dar\u00fcber hinaus wird sie ermitteln, ob die Zusammensetzung der gefunden Partikel auf allen beprobten Feldern die gleiche ist und ob es Plastikpolymere gibt, die besonders h\u00e4ufig auftreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Einfluss von Landschaftskontext und Management auf das Vorkommen und die Zusammensetzung des Mikroplastiks in den B\u00f6den wird Saskia betrachten. Sie will wissen, wovon die Kontamination mit Mikroplastik abh\u00e4ngig ist und wird deshalb die Faktoren Stra\u00dfenn\u00e4he und das D\u00fcngemanagement genauer unter die Lupe nehmen. Die D\u00fcngemittel lassen sich wiederum nach der Tierart, von der der D\u00fcnger stammt (Rind, Schwein, Pferd), und nach der Ausbringungsart (G\u00fclle, Jauche, Mist, Kl\u00e4rschlamm, Kompost) differenzieren. Da auf einigen der Untersuchungsfl\u00e4chen auch Kompost und Kl\u00e4rschlamm ausgebracht wurden, stellt sich nun die Frage, ob diese Untersuchungsfl\u00e4chen tats\u00e4chlich auch st\u00e4rker mit Mikroplastik verunreinigt sind als die anderen Fl\u00e4chen. Insgesamt haben wir 15 Standorte beprobt und dabei alle drei Landschaftsformen Schleswig-Holsteins &#8211; Geest, Marsch und Jungmor\u00e4nenlandschaft &#8211; abgedeckt. Daf\u00fcr gew\u00e4hrte uns das Landesamt f\u00fcr Landwirtschaft, Umwelt und l\u00e4ndliche R\u00e4ume (LLUR) Zugang zu Boden-Dauerbeobachtungsfl\u00e4chen. An jedem der Standorte wurden an den vier Eckpunkten der jeweiligen Fl\u00e4che drei Beprobungen durchgef\u00fchrt. Dabei wurde Ackerboden aus den Tiefen 0-10 cm, 10-20 cm und 20-30 cm entnommen, so dass wir pro Feld 36 Einzelproben von jeweils etwa 200 g gewonnen haben. Rechnet man das auf alle Felder hoch, untersuchen wir 540 Einzelproben mit einem Gesamtgewicht von ca. 108 kg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"777\" height=\"631\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Karte_1.jpg\" alt=\"Beprobte Standorte in Schleswig-Holstein. Kartengrundlage LLUR, 2019.\" class=\"wp-image-294\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Karte_1.jpg 777w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Karte_1-480x390.jpg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Karte_1-768x624.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 777px) 100vw, 777px\" \/><figcaption>Beprobte Standorte in Schleswig-Holstein. Kartengrundlage LLUR, 2019.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ab April 2019 sind wir gemeinsam mit einem Probennahmeteam des LLUR, einem Doktoranden der CAU Kiel aus dem Fachbereich Bodenkunde und einer Studentin aus Berlin etwa einen Monat lang durch Schleswig-Holstein gefahren. Wir  haben die Vormittage auf den Ackerfl\u00e4chen verbracht, um die Proben aus den verschiedenen Tiefen und von den verschiedenen Positionen auf den \u00c4ckern zu entnehmen. Die Probenentnahme gestaltete sich recht einfach. Nur besonders lehmige B\u00f6den und das Wetter machten uns ab und an Schwierigkeiten. Vor allem bei nass geregneten Lehmb\u00f6den hatten wir Probleme, die Bohrstange zur Entnahme der Bodenproben in den Boden zu treiben, wieder rauszuziehen und das Material aus den Stangen zu bergen. Im feuchten Zustand verdichtet das Material schnell, wird dann sehr kompakt und ist schwerer zu verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_1.jpeg\" alt=\"Die Bodenproben werden zun\u00e4chst mit Wasser versetzt und dann durch ein Sieb gegeben. Dadurch wird alles feink\u00f6rnige Material unterhalb von 1000 \u00b5m entfernt. Foto: Ivy Harms\" class=\"wp-image-295\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_1.jpeg 1000w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_1-480x360.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_1-768x576.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Die Bodenproben werden zun\u00e4chst mit Wasser versetzt und dann durch ein Sieb gegeben. Dadurch wird alles feink\u00f6rnige Material unterhalb von 1000 \u00b5m entfernt. Foto: Ivy Harms<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mitte Mai war die Probennahme dann abgeschlossen und es folgte die Vorbereitung der Proben f\u00fcr die Analyse. Daf\u00fcr wurden alle Bodenproben mit Leitungswasser versetzt und dann mit einem Schneebesen sorgf\u00e4ltig umger\u00fchrt. Anschlie\u00dfend wurde das Gemisch durch ein 1000 \u03bcm Sieb filtriert, um alle kleineren Partikel auszuschlie\u00dfen. Zur weiteren Untersuchung wurde das Siebgut dann in Petrischalen \u00fcberf\u00fchrt. Bei stark lehmigen oder tonigen B\u00f6den, aber auch bei solchen, die reich an organischem Material waren, dauerte das Sieben \u00fcbrigens doppelt so lange wie bei sandigem Material. <\/p>\n\n\n\n<p><br> Um die Mikroplastikpartikel von den mineralischen und organischen Bestandteilen zu trennen, haben wir die Petrischalen dann unter einem Mikroskop untersucht. Kunststoffe lassen sich am Typ (Folien, Fasern), an ihrer F\u00e4rbung, ihrer Form (eingerollte Kanten, gerade Bruchkanten) oder ihrer Konsistenz (mineralische Bestandteile geben nicht nach) erkennen und von nat\u00fcrlichen Partikeln unterscheiden. Manche Kunststoffe k\u00f6nnen jedoch erst auf den zweiten Blick erkannt oder sogar \u00fcbersehen werden. Daher wurden alle Proben von uns beiden untersucht und somit zweimal betrachtet. Beim zweiten Durchsehen wurden jeweils nur sehr wenige Partikel gefunden, die bei der ersten Durchsicht \u00fcbersehen wurden. Das gibt uns Grund zu glauben, dass wir f\u00fcr die Untersuchung unserer Bodenproben die richtige Herangehensweise und die richtige Partikelgr\u00f6\u00dfe gew\u00e4hlt haben und nur wenige Kunststoffpartikel \u00fcbersehen haben. Im Zweifel wurden verd\u00e4chtige Fragmente oder Fasern immer mit in die Analyse aufgenommen, da anschlie\u00dfend alle extrahierten Partikel mittels Fourier-Transformations-Infrarot-Spektroskopie identifiziert wurde. Sofern es sich um Plastik handelte, wurde dabei dann auch der Polymertyp identifiziert. <\/p>\n\n\n\n<p>Was haben wir bisher gefunden? Wir k\u00f6nnen schon verraten, dass wir an jedem der Standorte Mikroplastik gefunden haben, und dass der Hauptanteil der identifizierten Partikel aus Polyethylen bestand. T\u00fcrkise Partikel, gelbe Partikel, rote Partikel, Folien, Fasern und Fragmente &#8211; wir haben alles gefunden! <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"http:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_3.jpeg\" alt=\"In dieser Bodenprobe erkennt man das Mikroplastik mit blo\u00dfem Auge. Bei dem roten Partikel am rechten Rand des Siebes handelte es sich tats\u00e4chlich um Kunststoff. Foto: Saskia Tr\u00f6gell\" class=\"wp-image-293\" srcset=\"https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_3.jpeg 1000w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_3-480x360.jpeg 480w, https:\/\/www.oceanblogs.org\/mikroplastik54n\/wp-content\/uploads\/sites\/58\/2019\/09\/Foto_3-768x576.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>In dieser Bodenprobe erkennt man das Mikroplastik mit blo\u00dfem Auge. Bei dem roten Partikel am rechten Rand des Siebes handelte es sich tats\u00e4chlich um Kunststoff. Foto: Saskia Tr\u00f6gell<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Identifizierung des Mikroplastiks k\u00f6nnen wir uns nun den individuellen Fragestellungen widmen und eine statistische Auswertung vornehmen, um ggf. bestehende Zusammenh\u00e4nge zwischen der Belastung mit Mikroplastik und beispielsweise der Nutzungsform aufzudecken. Anfang November werden unsere Masterarbeiten abgeschlossen sein und dann wollen wir die Ergebnisse zur Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift vorbereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mikroplastik wurde bereits im Meer, in Seen und in Fl\u00fcssen gefunden. Doch wie sieht es eigentlich auf dem Land, insbesondere in den zur Nahrungsmittelproduktion genutzten Ackerb\u00f6den, aus? Hierzu wissen wir noch so gut wie nichts. Deutschlandweit gibt es zurzeit n\u00e4mlich erst eine Studie zum Thema Mikroplastik in Ackerb\u00f6den. 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